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16.03.10Richard Wagner – der Revolutionär

 

Richard Wagner

Schon zwei Tage lang tobt auf Dresdens Straßen die Deutsche Revolution. Die königlich-sächsischen Truppen haben Schießbefehl erhalten, um die Revolutionäre zu einer schnellen Aufgabe zu zwingen. Doch wie andernorts in Deutschland steht das ganze Volk auf den Straßen und fordert die deutsche Nationalrepublik. Am Abend des 05. Mai 1849 klettert ein Mann als Kundschafter auf den über 100 m hohen Turm der Dresdner Kreuzkirche. Auch er wird sogleich unter Beschuß genommen. Dem zur Vorsicht mahnenden, ebenfalls auf dem Turm stationierten Oberlehrer Berthold sagt der Kletterer lediglich: „Keine Sorge, ich bin unsterblich.“ Sorgen macht sich der Turmbesteiger hinter seinem Kugelfang tatsächlich nur um seinen zur Neige gehenden Taschenvorrat an Schnupftabak. Am darauffolgenden Tag schallt von weiter Ferne aus Hunderten von Kehlen das französische Revolutionslied, die Marseillaise. Erzgebirgler eilten den Aufständischen zu Hilfe. Der Mann auf dem Kirchturm, kein geringerer als Richard Wagner, gerät in vollkommene Revolutionsstimmung.

Unsterblich wurde Richard Wagner tatsächlich: Mit seinem Lebenswerk.

Welche Rolle kann man dem Genie des musikalischen Dramas in diesem wohl sehr bewegenden Jahrhundert deutscher Geschichte beimessen? Wagners Bedeutung für die deutsche Revolution ist mit Sicherheit nicht einfach zu beantworten, denn er hatte seine ganz eigenen Ziele.

Bereits im Jahre 1847 äußerte sich Wagner dahingehend, daß eine Revolution das Mittel der Wahl sei. Dabei ging es ihm jedoch vorrangig um eine radikale Änderung der bestehenden Verhältnisse in der Opernkunst und auf den dramatischen Bühnen. Idealistisch stand für ihn Zeit seines Lebens das neu zu erschaffende „Gesamtkunstwerk“ (Verschmelzung diverser Kunstgattungen) als das erstrebenswerte Ziel für die Kunst überhaupt. Richard Wagner war durch und durch ein Künstler mit dem hehren Ziel, seine Revolution der Opern- und Theaterdramen zur Vollendung zu bringen. Diente sein revolutionäres und teilweise gar radikales Denken wider das Fürstentum und der Monarchie also lediglich der Entwicklung der Kunst?

Wagners Verhältnis zu Fürsten, Königen und Kaisern hing stets davon ab, wie ihm diese dienlich waren. Es ging hierbei aber eher um persönliche Beziehungen als um das Verhältnis von Wagner zur Monarchie. So genoß Wagner die Gunst des Sachsenkönigs Friedrich August II. (jedenfalls bis zu seiner Beteiligung an den Maiaufständen) sowie des späteren Bayernkönigs Ludwig II., die seine Kunst liebten und ihn finanziell unterstützten, was ihm sehr willkommen war, wurde er doch bis kurz vor sein Lebensende aufgrund seines überschwänglichen Lebenswandels von Geldsorgen verfolgt. Den ersten deutschen Kaiser Wilhelm I. sowie Reichskanzler Otto von Bismarck verschmähte er jedoch einige Jahre später, weil diese seine Idee, das Bayreuther Festspielhaus als Nationaltheater zu führen, nicht aufgreifen wollten.

Trotz seiner durchaus als persönlich zu begreifende Beziehung zur Monarchie unterstützte Wagner jedoch unumstritten die bürgerliche Revolution, bei der es um weit mehr ging, als nur  um persönliche Differenzen mit einzelnen unliebsamen Fürsten und Königen. Am 25. Februar 1848 erfuhr er, bereits in Dresden wohnend, von seinem Freund August Röckel vom Sturz des Bürgerkönigs von Frankreich, Louis Phillipe, und der dortigen Revolution. Nur wenige Tage später begann in Baden der Aufstand, der zur ersten bürgerlichen Revolution in Deutschland werden sollte. Die Revolution in Dresden lässt sich als gemäßigt beschreiben. Zwar gingen die Bürger wie andernorts mit demokratischen Forderungen auf die Straßen. Kaum versprach jedoch der König einige Reformen, kehrte auch schon wieder Ruhe ein – jedenfalls bis zum Mai 1849.

Bis dahin gab es einige Veröffentlichungen Wagners abseits der Opernbühne. So entsandte er einen „Gruß aus Sachsen an die Wiener“, der in der „Allgemeinen Österreichischen Zeitung“ abgedruckt wurde, als Mitte Mai 1848 dort sehr aggressive Aufstände ausbrachen: „[…] Stellt wer uns je das Schmachgebot:/ ‚Nun werdet wieder Diener!‘/ Dem sei dann mit dem Schwur gedroht:/ ‚Wir machen’s wie die Wiener!‘ [...]“ Des Weiteren wandte sich Wagner unter anderem an den sächsischen Abgeordneten in der Nationalversammlung Prof. Franz Jakob Wigard mit Forderungen nach mehr Demokratie und der Volksbewaffnung und schrieb mehrere Artikel, die zum Beispiel in dem von Wagners Freund August Rückel gegründeten „Volksboten“ veröffentlicht wurden, was dazu führte, dass  die geplante Uraufführung seines „Lohengrins“ verboten wurde. Leider verpackte er seine Forderungen und Gedanken oft in endlosen Tiraden, sodass von seinen Botschaften im Volk nur wenig Notiz genommen wurde. Kurz darauf (Oktober 1848) kam die erschütternde Nachricht aus Wien: Die Revolution wurde blutig niedergeschlagen.

Anfang 1849 lernte Wagner über August Röckel den russischen Anarchisten Michail Alexandrowitsch Bakunin kennen, der die aristokratischen Häuser am liebsten in Flammen sehen wollte. Bakunins radikales Denken und Handeln beeinflusste maßgeblich die Dresdner Bevölkerung – auch Wagner.

Im April 1849 spitzte sich die Situation in Deutschland zu: Am 3. April wurde die Reichsverfassung von der Nationalversammlung verabschiedet und dem König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., die Krone im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie angeboten. Dieser lehnte jedoch empört ab, diese „Schweinkrone“, verpestet „vom Ludergeruch der Revolution“, einen „Reif aus Dreck und Letten [Lehm]“ anzunehmen. Damit war der erste Versuch, aus deutschen Landen einen republikanischen Nationalstaat zu bilden, gescheitert.

Erneut radikalisierte sich die Bürgerbewegung in ganz Deutschland – so auch in Sachsen bzw. Dresden. Der sächsische König verweigerte am 30. April der Frankfurter Reichsverfassung die Anerkennung, löste alle Kammern auf und setzte fast alle Minister ab. Am 3. Mai 1849 eskalierte daraufhin die Situation in Dresden: Königstreue Soldaten eröffneten das erste Mal das Feuer auf die Bevölkerung. Minister von Beust rief das preußische Militär zu Hilfe, welches die Revolution schließlich niederschlug.

Die nächsten Tage bis zum 9. Mai verliefen sehr stürmisch, eben revolutionär. Das Volk bewaffnete sich. Auch Wagner nahm bewaffnet an den Auseinandersetzungen teil. Es kam zu vielen Barrikadenkämpfen, bei denen unter anderem Gottfried Semper (Erbauer der Semperoper und einer der bedeutendsten Baumeister des 19. Jahrhunderts) an der Konstruktion der Barrikaden mitwirkte. Am 4. Mai flüchtete der König mit seiner Familie zur Festung Königstein. Eine provisorische Regierung mit Otto Heubner, Samuel Tzschirner und Karl Gotthelf Todt wurde gebildet und von dieser wurde der bewaffnete Widerstand proklamiert. Wagner verteilte Flugblätter unter den königstreuen Soldaten, „Seid ihr mit uns gegen fremde Truppen“, dessen Aufruf jedoch kaum einer folgte.

Nachdem Wagner vom Turm der Kreuzkirche aus die preußischen Truppen herannahen sah, wurden die Kämpfe heftiger. Am 7. Mai wurde von den Aufständischen das Alte Opernhaus als Feuerwall gegen die preußischen Truppen entzündet – jener Ort, an dem Wagner noch vor kurzem die bislang verschmähte 9. Symphonie Beethovens zum Erfolg führte. Zu Unrecht wurde er später der Brandstiftung verdächtigt. Am darauffolgenden Tag war die Stadt für die Revolutionäre nicht mehr zu halten. Bakunin und Heubner wollten alle revolutionären Kräfte im Erzgebirge zusammenziehen und einen erneuten Angriff wagen, doch dazu kam es nicht mehr. Bakunin und Heubner wurden am Abend des 9. Mai in Chemnitz verhaftet. Wagner entkam diesem Schicksal, weil er mit einer anderen Kutsche nach Chemitz reiste, die sich so sehr verspätete, dass er im nächstgelegenen Gasthof abstieg, anstatt sich mit Bakunin und Heubner im „Blauen Engel“ zu treffen – zu seinem Glück. Nur wenige Tage später wurde Wagner steckbrieflich in allen deutschen Ländern gesucht.

Damit endete die Dresdner Revolution – mit 41 toten (sächsischen wie preußischen) Soldaten, 191 toten Revolutionären und 432 Personen, die zu Zuchthaus verurteilt wurden. Wagner konnte wie unter anderem auch Semper, Tzschirner und Todt in die Schweiz fliehen. Seine Reise führte ihn über Weimar, wo ihm sein lebenslanger Freund, der grandiose Klaviervirtuose und Komponist Franz Liszt, half, bis nach Zürich ins Exil zu gelangen. In Dresden war die Revolution zu Ende, doch Wagner hielt bis an sein Lebensende daran fest, die momentane Situation in der Kunstwelt umstürzen zu wollen und ein neues „Gesamtkunstwerk“ zu erschaffen.

Erst 1860 erhielt Wagner Teilamnestie (außer nach Sachsen war ihm die Einreise nach Deutschland wieder erlaubt), was er an Franz Liszt mit folgenden Worten kommentierte: „Glaub mir, wir haben kein Vaterland! Und wenn ich ‚deutsch‘ bin, so trage ich sicher mein Deutschland in mir.“

Was bleibt nun für ein Bild von Richard Wagner, dem Revolutionär? In seinen Revolutionsschriften schrieb Wagner in seinen radikalsten Exzessen davon, dass die alte Welt zunächst in Trümmern liegen müsse, bevor die neue Welt entstehen könne, in der alle Menschen frei seien. In „Das Kunstwerk der Zukunft“ (1852) wird auch klar ersichtlich, warum Wagner auf dem Wesen des freien Menschen, das zu „schaffen“ es gilt, beharrt: „Der wirkliche Mensch wird daher nicht eher vorhanden sein, als bis die wahre menschliche Natur, nicht willkürliche Staatsgesetze sein Leben gestalten und ordnen; […] ihre Abhängigkeit vom Leben überwindet die Kunst aber nur im Zusammenhange mit dem Leben wahrhafter, freier Menschen.“ Dies bedeutet nichts anderes, als daß eine freie Kunst und freie Menschen einander bedingen.

Der absolut freie Mensch und die freie Kunst sind nach wie vor eine Utopie. Dennoch hat Wagner das musikalische Drama revolutioniert, was in der Ring-Tetralogie seinen Höhepunkt fand und uns dadurch dieser Utopie ein Stück weit näher gebracht. Die Menschen der heutigen Zeit haben die Aufgabe, Wagners Pfade weiter zu beschreiten oder auch neue zu entdecken, an deren Ende der freie Mensch die wahrhaft freie Kunst erschaffen wird.

Oliver Martin (Hilaritas Stuttgart)