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15.12.11Schlesienseminar der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn

 

Dr. Dr. Ehrenfried Mathiak (Ehrenvorsitzender der Landsmannschaft Ostpreußen in Nordrhein-Westfalen) bei seinem Vortrag.

Seit nunmehr 25 Jahren hält das Schlesienseminar der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn die Erinnerung an Schlesien und die anderen Kulturlande des deutschen Ostens wach. Einst von den vertriebenen Breslauer Studentenverbindungen im Rahmen des Arbeitskreises Breslauer Korporationen ins Leben gerufen, ist heute alleiniger Ausrichter des Seminars die Studentenverbindung der Raczeks. Die anderen Korporationen tragen allenfalls in ihrem Namen noch „Breslau“, aber interessieren sich in der Regel nicht mehr für ihre Herkunft. Eine bedauerliche Entwicklung, war doch Breslau einst die einzige Hochschulstadt in Schlesien und beheimatete über 80 sehr unterschiedliche Korporationen, darunter konfessionelle, politische, sportliche, musische, schlagende und nichtschlagende. Neben den Bogenhausener Gesprächen der Burschenschaft Danubia München und der Bielefelder Ideenwerkstatt der Burschenschaft Normannia-Nibelungen Bielefeld gehört das Schlesienseminar in Bonn somit zu den bekannteren Traditionsveranstaltungen, die dem innerhalb des Korporationsverbandes Deutschen Burschenschaft formulierten politischen und kulturellen Erziehungsauftrags seit Jahren in besonderem Maße gerecht werden. 

Mit dem 25. Jubiläum des Seminars übergab der ehemalige Organisator Dr. Heinrich Bünger den Staffelstab nunmehr an die jüngere Generation seiner Bundesbrüder. Die Konzeption der Veranstaltung auf dem Haus der seit 1950 in der Bonner Südstadt beheimateten Burschenschaft blieb sich hingegen treu: einem historischen Vortrag schloß sich ein politischer an. Neu war allerdings die abschließende Vorführung eines Films.

1. Vortrag
Den Auftakt machte Dr. Dr. Ehrenfried Mathiak (Ehrenvorsitzender der Landsmannschaft Ostpreußen in Nordrhein-Westfalen), der über eine Fachtagung unterrichtete, die nur eine Woche zuvor über den Erhalt deutscher Kirchengebäude auf dem Gebiete Ostpreußens in Stuttgart stattfand. Neben einer Bestandsaufnahme, die die geringen Fortschritte im Bereich der deutschen Denkmalkultur in den ehemaligen deutschen Ostgebieten aufzeigte, konnte er jedoch auch besonders positive Beispiele wie die Kirche in Tharau nennen, die aufgrund ihres Bekanntheitsgrades und deutschen Spendern nahezu vollständig wieder aufgebaut werden konnte. Nahezu 300 Kirchen gab es in Ostpreußen, so Mathiak, von denen nur wenige vollständig und ohne Schaden erhalten geblieben sind.

Einige wurden nach dem Krieg von den Kommunisten geschliffen, andere als Ställe und Notunterkünfte umfunktioniert. Erst seit der Perestroika und der seit 1990 zunehmenden Verbreitung der russisch-orthodoxen Kirche auch in den ehemaligen ostpreußischen Gebieten konnten einige Kirchen wieder ihrem eigentlichen Zweck zugeführt werden, wenngleich es vor Ort kaum evangelische Gemeinden mehr gibt, die die Kirchen für Gottesdienste nutzen.

Trotz der immensen und unwiederbringlichen Zerstörung zahlreicher Kirchen, hofft man auf Seiten des Bundes der Vertriebenen, künftig häufiger Kirchen vor dem endgültigen Verfall retten zu können. Gleichwohl die Spendenbereitschaft der Deutschen wichtigste Vorraussetzung hierfür ist, sind auch nicht zuletzt die positiven Signale, die von der russischen Verwaltung, aber auch von der russisch-orthodoxen Kirche kommen, ein Baustein auf dem Weg zu einer Denkmalkultur, die den Namen auch verdient. Dr. Dr. Mathiak betonte im Rahmen der dem Vortrag nachfolgenden Diskussion auch die vorbildliche Hilfestellung der Bundesregierung unter Gerhard Schröder, der sich persönlich für einen Wiederaufbau der Kirche von Tharau einsetzte, was die knapp 50 Teilnehmer doch wunderte, sind Politiker, wenn sie in Regierungsverantwortung geraten, selten tatsächlich so engagiert in Vetriebenenfragen, wie zu Zeiten in der Opposition.

2. Vortrag
Der zweite Referent, Matthias Meier, selbst Angehöriger der Burschenschaft der Raczeks, stellte seine kürzlich fertig gestellte Dissertation vor und schloß thematisch bei der SPD an. Er untersuchte zwei Jahre lang das facettenreiche Verhältnis zwischen der SPD und dem Bund der Vertriebenen (BDV) seit dessen Gründung bis in die Mitte der 1970er Jahre.

Zwischen den Heimatvertriebenen als anfangs Unterprivilegierten und der SPD als Partei der Arbeiter und sozial Benachteiligten ergaben sich bereits in den 1950er Jahren große inhaltliche Übereinstimmungen. Neben der Sozialpolitik agierte die SPD vor allem mit ihrer Heimatpolitik ganz im Sinne der Vertriebenen und leistete damit einen entscheidenden Beitrag für ihre gesellschaftliche Integration in die Bundesrepublik.

So wirkte die bereits 1945 vom späteren SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher ausgegebene Losung, der zufolge die Sozialdemokratie jenseits der Oder-Neiße-Linie „um jeden Quadratmeter deutschen Bodens kämpfen“ werde, von Anbeginn als Appell, an dem sich die Gesamtpartei ausrichtete und bildete bis weit in die 1960er Jahre hinein das enge Korsett der sozialdemokratischen Ost- und Deutschlandpolitik.

Enthalten war darin die auch vom Bund der Vertriebenen (BdV) vertretene Grundhaltung, wonach die Regelung von Grenz- und Gebietsfragen ausschließlich einem Friedensvertrag vorbehalten bleiben und den Vertriebenen ein Recht auf Rückkehr in ihre Heimat gewahrt werden müsse. Detailliert wies der junge Forscher der SPD nach, daß man SPD-intern bereits Mitte der 1960er Jahre von einer Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und dem Verlust Ostdeutschlands ausging. Dennoch wollte man die Wahrheit offenbar nicht aussprechen, kein Wunder, stellten die Vertriebenen doch ein erhebliches Wählerreservoir dar. Erst durch die neue Ostpolitik eines Willy Brandt erfolgte auch eine offene Abkehr früherer Standpunkte. 

In der anschließenden Diskussion bewerteten die Teilnehmer nicht nur die SPD als verräterisch, sondern vor allem die FDP, die unter dem nachmaligen Bundespräsidenten Scheel mit der SPD die sozialliberale Koalition einging und die neue Ostpolitik damit letztlich erst ermöglichte. Im Diskussionskreis kam man natürlich auch auf die Union zu sprechen, die für ihre markigen Sprüche auf Vertriebenenveranstaltungen nach wie vor bekannt ist, aber weniger für ein nachhaltiges Eintreten für vertriebenenpolitische Standpunkte. Bemängelt wurde einhellig, daß auch Angela Merkel zu wenig Protest erhob, als Polen und die Tschechei trotz erklärter Beibehaltung der Bierut- und Beneš-Dekrete in die Europäische Union aufgenommen wurden.

Filmvortrag und Diskussion
Mit letzteren Dekreten spannte sich der Bogen zum Film „Töten auf Tschechich“ des jungen tschechischen Dokumentarfilmers David Vondraček aus dem vergangenen Jahr. Einer der anwesenden jungen Burschenschafter hatte den Film für den Kopp Verlag aus der englischen Fassung ins Deutsche übersetzt.

Der Film mit Material von damals zeigt die Massaker im Nachkriegs-Tschechien. Die Aufnahmen belegen erstmals, was Augenzeugen und Historiker seit Jahrzehnten behaupten und nie mit Bewegtbildern beweisen konnten: Tschechen erschossen damals, in den Tagen nach der Kapitulation, gezielt deutsche Zivilisten auf offener Straße, nachdem sie sie wie Vieh zusammengetrieben hatten. Ganz gleich, ob sie mit den Nationalsozialisten kooperiert hatten oder nicht. 20.000 bis 30.000 Menschen wurden bestialisch ermordet. Manche Historiker sprechen sogar von über 200.000 Opfern. Eine gerichtliche Aufarbeitung der Massaker hat es bis heute indes nicht gegeben. Das verhindern die umstrittenen Dekrete des 1945 bis 1948 amtierenden tschechischen Präsidenten Edvard Beneš. Das Grauen der „wilden Vertreibungen“ soll demnach straffrei bleiben. 

Aber in der Europäischen Union spricht man von einem gemeinsamen Werte- und Rechtsfundament, wie die Teilnehmer in der abschließenden Diskussionsrunde kritisch feststellten. Gelobt wurde die Filmvorführung, denn den Bundesdeutschen wurde der vollständige Film im Fernsehen bis heute verwehrt. Passt er etwa nicht ins Konzept der deutschen Täter und der osteuropäischen Opfer? Lediglich das ZDF zeigte einige Ausschnitte in einer Sendung des Haushistorikers Guido Knopp, der die Verbrechen aber letztlich als Konsequenz der vorherigen Verbrechen der deutschen Besatzung erklärte und somit ein fragwürdiges Rechtsverständnis offenbarte.

Die jungen und älteren Teilnehmer konnten somit guten Gewissens den Heimweg antreten und sich über Themen informiert wissen, die in den heutigen Leitmedien gerne verschwiegen werden, weshalb auch immer!

Johann Hagus (Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn 2003)