31.12.10In Memoriam Rainer Glagow
Seit mehr als 165 Jahren ist die Bonner Burschenschaft Frankonia neben anderen Grundsätzen dem Freiheitsgedanken zutiefst verpflichtet. Diese Festlegung hat sogar in unsere Satzung Eingang gefunden, wonach der Bonner Franke verpflichtet ist, seine wohlbegründete Meinung jederzeit offen und öffentlich zu vertreten. Solches Verständnis von Freiheit und darauf begründeter Meinungsfreiheit zieht sich als roter Faden durch Lebens- und Berufsweg unseres Frankenbruders Rainer Glagow (17. Dezember 1941 – 26. Juli 2010), der sich immer neben vielen liebenswürdigen Eigenschaften auch als „homo politicus“ verstanden hat.
Wenn wir dazu noch die durchaus als preußische Tugend aufzufassende Zivilcourage nehmen, so erhalten wir das Bild eines Mannes, der mit allen Kräften versucht hat, hochrangigen, anspruchsvollen und nicht selten zur öffentlichen Meinung kontroversen Zielsetzungen gerecht zu werden. Nehmen wir dazu seine Zivilcourage als den Mut, auch gegen behauptete öffentliche Mehrheitsmeinungen anzutreten und das immer noch nicht selbstverständliche Recht auf Meinungsfreiheit ohne berufliche oder persönliche Nachteile hierfür in Anspruch zu nehmen, dann wissen wir, daß Rainer Glagow in seinem Berufsleben, aber auch als Autor von Büchern über unterschiedliche Sachthemen höchstpersönlich erfahren und erleiden mußte, wie schwer das in Deutschland sein kann. Einen Verleger für ein Buch zu finden, dessen Ausgangspunkt und Ergebnis im Gegensatz zu den medialen Lautsprechern in unserem Lande stehen, dies bedarf einer Standfestigkeit und Überzeugungskraft, die ihresgleichen suchen. Der Druck ging soweit, daß Rainer Glagow seine Autorenschaft hinter einem Pseudonym verstecken mußte, um sich selbst, seine Familie und seine Berufsausübung nicht zu gefährden.
Und das nicht etwa, weil er etwa verfassungsfeindliche oder gar umstürzlerische Thesen vertreten hätte – nein – er hat sich unter Heranziehung seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse und seiner beruflichen Erfahrungen kritisch zum Themenkreis des politischen Islam geäußert und mußte dann erfahren, was Franz-Josef Strauß mit „vorauseilender Unterwerfungshaltung“ gemeint hat. Sein Mut, der Öffentlichkeit belegbare Zahlen und Schlußfolgerungen anzubieten, verdient mehr als Anerkennung und hat gleichzeitig belegt, daß unsere gemeinsame Grundüberzeugung über Freiheit und Meinungsfreiheit noch lange nicht abgearbeitet ist, ganz zu schweigen von der in Deutschland besonders gravierenden Schwierigkeit, auch noch für möglichen Beifall von der falschen Seite in Anspruch genommen zu werden.
Für Rainer Glagow stand somit fest, daß Farbe tragen auch Farbe bekennen heißt. Er schloß sich im Sommersemester 1961 der Frankonia an und widmete sich der Islamwissenschaft und studierte ergänzend Geschichte und Vergleichende Religionswissenschaft. Zudem begann er schon als Student sein langjähriges Hobby, das Schreiben von Büchern. In seinem Leibvers hieß es entsprechend „Ich schreibe gern Romane, nach mancher großen Reis, doch liest sie leider keiner, das ist ja grad die Sch….“ - Trotzdem war der Roman „Der Berg des Unheils“ bis in die neunziger Jahre ein großer Verkaufserfolg.
Sein Berufsweg gestaltete sich ein wenig orthodox: Nach der Promotion zum Dr. phil. im Jahr 1967 ging er zuerst einmal als Lektor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an die Ain Schams-Universität in Kairo.
1971 bewarb er sich mit Erfolg um die Stelle eines stellvertretenden Direktors des Deutschen-Orient-Instituts in Hamburg. Das Institut war damals das einzige seiner Art in Deutschland, das sich wissenschaftlich mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft der modernen Islamstaaten beschäftigte. 1978 widerstand er nicht der Verlockung, ein zweites Mal nach Kairo zu gehen. Er leitete dort bis 1981 das Büro der Hanns-Seidel-Stiftung und arbeitete in Partnerschaft mit dem ägyptischen Informationsministerium am Aufbau eines Netzes von Erwachsenenbildungsinstituten (Nil-Zentren) in allen Teilen des Landes. Die Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Staatsbürokratismus war allerdings sehr schwierig und nervenaufreibend. Die Beobachtung von Politik und Machtausübung aus unmittelbarer Nähe schärfte seine Einsicht, daß die materielle, politische und geistige Unterentwicklung orientalischer Gesellschaften auch und gerade als Folge einer im Mittelalter verharrenden Religion, des reformresistenten Islam, verstanden werden muß.
Damals begann die Abkehr von seiner anfänglichen Orient-Begeisterung. Er wandelte sich vom Islamophilen zum Islamkritiker. Von 1981 bis 1994 leitete er dann das Büro der Hanns-Seidel-Stiftung in Madrid. Die spanischen Jahre wurden zu den interessantesten und erfolgreichsten seiner beruflichen Laufbahn, konnte er doch nach dem Tode Francos am Aufbau eines demokratischen Parteiensystems in Spanien mitwirken. In Zusammenarbeit mit der spanischen Partnerstiftung widmete er sich dem Aufbau der Mitte-Rechts-Partei Alianza Popular/Partido Popular, die 1981 nur von 6 Prozent der Spanier gewählt wurde, 1996 unter José Maria Aznar aber die Regierungsmehrheit erringen konnte. Auch familiär waren die Jahre im Königreich Spanien äußerst glücklich. 1983 und 1987 wurden die beiden Töchter Ariane und Beatrice in Madrid geboren. Besonders dankbar war er, als ihm das Land Spanien für die geleisteten Dienste im Jahr 1994 einen hohen Orden, das Komturkreuz Isabellas der Katholischen, verlieh.
1994 bis 2006 vertrat er schließlich die Hanns-Seidel-Stiftung in Berlin. Er leitete unter anderem das Bildungsprogramm der Stiftung in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern und koordinierte ihre politischen Kontakte in der Hauptstadt. Zur publizistischen Frucht des Nachdenkens über Deutschland während der Berliner Jahre wurde sein Buch „Von Deutschland nach Absurdistan“.
Rainer Glagow hat aber auch während seiner langjährigen Auslandsaufenthalte den Kontakt zu seiner, zu unserer Frankonia nie verloren. Im Gegenteil: Er hat ihn gepflegt und nach seiner Rückkehr nach Deutschland durch vielfältige Initiativen und Aktivitäten den inneren Zusammenhalt unserer Verbindung gestärkt. Insbesondere sein jährlich veranstaltetes Treffen in preußischer Umgebung wird weiterleben und Bestand haben.
Rainer Glagow war uns allen ein lieber Frankenbruder, vielen ein guter Freund, in Geisteshaltung und Lebenswerk ein Beispiel und Vorbild.
Unser Mitgefühl gehört seiner Frau und seinen Kindern! Wir Franken werden ihn sehr vermissen, aber nicht vergessen!
Dr. Eberhard Groebel (Frankonia Bonn 1969)

