03.01.11Herwig Nachtmann 70
Begleitet von Glückwünschen vieler Verbandsbrüder und Freunde von der Etsch bis an den Belt, vollendete der vorbildliche Burschenschafter Herwig Nachtmann, BBl-Schriftleiter von 2005 bis 2008, am 4. August sein 70. Lebensjahr. Der Sohn eines Innsbrucker Apothekers hatte mit seinen sechs Geschwistern eine schwere Jugend. Der Vater, nach dem Krieg politisch verfolgt, verlor Vermögen und Existenz. So mußte Herwig schon als Zwölfjähriger durch Ferialarbeit zum Lebensunterhalt beitragen. Nach Eintritt in die Burschenschaft Brixia - wie sein Vater und sein Onkel ehedem - schloß Nachtmann das Universitätsstudium in Innsbruck als Diplom-Volkswirt ab.
Aufgerüttelt durch die Worte des unvergessenen Kanonikus Michael Gamper („Die Südtiroler befinden sich auf dem Todesmarsch…“) war er beteiligt, als in der Feuernacht zum 10. Juni 1961 über 40 Hochspannungsmasten zu Boden gingen. In einem menschenrechtswidrigen Verfahren ohne Zustellung einer Anklageschrift wurde er 1970 von einem Florentiner Gericht in Abwesenheit verurteilt. In Österreich ebenfalls verfolgt, verbrachte er fast zwei Jahre in der Bundesrepublik. In einer Serie von Prozessen wurde er von österreichischen Gerichten rehabilitiert.
Nahezu drei Jahrzehnte wirkte Nachtmann als Geschäftsführer des Aula-Verlages in Graz. Dem Zeitgeist zeigte er die Zähne, als der Nihilist Hermann Nitsch das Kulturhaus mit einer öffentlich gesponserten Exhibition beflecken durfte. Schüler wurden durch die Schau geschleift, um sich an goldene Monstranzen zu erbauen, die mit gebrauchten Damenbinden garniert waren. Im Gegenschlag fuhr Nachtmann mit einem Traktor zum Tatort und kippte vor die Tore des Subkulturhauses eine Fuhre Stallmist: „Weg mit dem Dreck!“. Eine Welle der Sympathie schlug ihm entgegen. Nachtmann gründete eine „Bürgerinitiative gegen Religionsverhöhnung, öffentliche Perversität und Steuergeldverschwendung“, mit der er noch manch andere Obszönität öffentlichkeitswirksam anprangerte, zum Teil auch verhindern konnte. Auf Nachtmanns Anzeige wurde 1983 der gotteslästerliche Film „Das Gespenst in Österreich“ aus dem Verkehr gezogen. Die Zeitgeistlichkeit der Amtskirche hatte zur Achternbusch-Blasphemie geschwiegen.
Durch das Schicksal seiner geteilten Heimat Tirol und durch die Vertreibung eines Teiles seiner Familie aus dem Sudetenland reifte in ihm das Verständnis für Fragen des Volksgruppen- und Minderheitenschutzes. Nachtmanns Diplomarbeit galt dem Elsaß. Für den Aula-Verlag führte er Hilfsaktionen für die Deutschen in Siebenbürgen und im Banat durch.
Gewissermaßen wurde die nationale Monatszeitschrift Aula samt Nachtmann Opfer der politischen Erfolge von Jörg Haider. Als Haider 1986 Chef der Freiheitlichen Partei wurde, lag die FPÖ in Umfragen bei nur drei Prozent. Dann gelang es ihm, immer mehr Wähler zu gewinnen. Der Wähleranteil stieg 1990 auf 16,6 Prozent und 1994 auf 22,5 Prozent der Stimmen und die FPÖ 1999 mit einem Rekord von fast 27 Prozent zur zweitstärksten Partei im deutschen Staate Österreich auf. Eine Verleumdungskampagne setzte ein, um die lästige Konkurrenz loszuwerden. Die kritische Aula, gegründet 1949 als Organ der Freiheitlichen Akademiker, wurde den Mächtigen immer lästiger. Um Haiders Höhenflug zu stoppen, steigerte die linke Regie die Methoden: Ab 1993 explodierten Briefbomben, auf mehrere Prominente wurden provokante Anschläge verübt. Die „Bekenner“ der Bombenbriefe nannten sich „Bajuwarische Befreiungsarmee“, um den Verdacht auf das nationale Lager zu lenken.
Höhepunkt war der Mord an vier Zigeunern in Oberwart am 5. Februar 1995. Für die Gegner stand von vornherein fest, daß als Täter nur Haider-Anhänger in Frage kamen. In der Aula hatte sich ein akademischer Lehrer mit dem Zigeunerbegriff befaßt, die Aula hatte anläßlich der Landesausstellung die Geschichte des bairischen Stammes behandelt. Was lag da näher als die Aufstellung einer „Bajuwarischen Befreiungsarmee“...
In einem bösartigen „Gutachten“ konstruierte das berüchtigte „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“ die gewünschten Zusammenhänge, der Staatsanwalt beantragte einen Hausdurchsuchungsbefehl. Die Bezieherliste wurde beschlagnahmt, Aula-Leser mit einschlägiger technischer oder chemischer Ausbildung wurden der Morde in Oberwart verdächtigt.
Zweieinhalb Monate später war ein finaler Schritt geplant: Am 19. April 1995, einen Tag vor „Führers Geburtstag“, sollte in Ebergassing ein Hochspannungsmast gesprengt werden. Den Antifanten war bekannt, daß wegen Reparaturarbeiten eine der beiden Versorgungsleitungen abgeschaltet war. Die Ladung war nach Südtirol-Muster der 1960er Jahre angelegt. Mit der Sprengung wäre nicht nur das Chaos ausgebrochen. Exekutive und Jusiz hätten einen Vorwand für politische Verfolgung gehabt. Man hätte das Attentat, für die Öffentlichkeit einsichtig, dem Kreis der historischen Südtirol-Aktivisten in die Schuhe schieben können.
Doch es kam anders. Die Attentäter von Ebergassing sprengten sich selbst in die Luft, zwei der Verbrecher starben an Ort und Stelle, weitere Täter konnten flüchten. Bei den beiden Toten handelte es sich um bekannte Linksextremisten, die schon 1984 beim Südtiroler Freiheitskommers in Innsbruck als Gegendemonstranten photographisch festgehalten wurden.
Doch Nachtmann hatte man inzwischen bereits mit einer fadenscheinigen Anklage unter Verletzung diverser Grundrechte wegen eines Artikels in der Aula, der nicht von ihm stammte, nach dem menschenrechtswidrigen Verbotsgesetz verurteilt. Nachtmann blieb ungebrochen, die Leser aulatreu.
Der Jubilar ist Vater von vier Kindern, bis dato mit fünf Enkelkindern. Sein Sohn Gerfried, ebenfalls Brixe, ist Mitarbeiter der freiheitlichen Fraktion im österreichischen Parlament. Nach Tracht und Hofer-Vollbart typischer Tiroler, lebt Herwig Nachtmann mit seiner Ehefrau in der Nähe von Wiener Neustadt. Möge unser Tirolissimus bei bester Gesundheit noch lang unter uns weilen. Und möge er insbesondere erleben, daß zusammenwächst, was zusammengehört: Tirol von Kufstein bis Salurn.
Fred Duswald (Danubia München 1958)

