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29.04.11General Günter Kießling abgetreten

 

Die Bundeswehr hielt Ehrenwache.

Die Trauerfeier in Rendsburg.

Die eigentliche Beerdigung fand später in Berlin, in kleinem Kreise statt.

Bereits im August 2009 verstarb einer der bekanntesten Burschenschafter der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: General Günter Kießling. Der Angehörige der ehemaligen Verbandsburschenschaft Sugambria Bonn, die später mit der freien Bonner Burschenschaft Neogermania zur Germania Bonn fusionierte und vor wenigen Jahren aus der Deutschen Burschenschaft austrat, ist der breiten Öffentlichkeit vor allem aufgrund der sogenannten „Kießling-Affäre“ bekannt geworden.

Aber warum jetzt erst ein Nachruf auf den bekannten Vier-Sterne-General? Die Schriftleitung bemühte sich bereits kurz nach seinem Tod um einen Nachruf aus bundesbrüderlichen Reihen. Der Vorstand der Germania Bonn teilte seinerzeit mit, man würde nur einen von Germania Bonn autorisierten Nachruf akzeptieren. Das daraufhin erfolgte Angebot an Germania Bonn einen Nachruf für die Burschenschaftlichen Blätter anzufertigen, wurde leider nicht genutzt, lediglich die Rede, die ein Bundesbruder während der Totenfeier hielt, wurde der Schriftleitung übersandt. Auch ein Bild in Couleur wurde trotz Bitten bis heute nicht übermittelt. Dies sei nur der Vollständigkeit erwähnt, da der Verfasser dieser Zeilen wenig Persönliches über den ehemaligen Verbandsbruder Günter Kießling sagen kann, zumindest nicht das, was üblicherweise Eingang in Nachrufe findet, da er diesen persönlich nicht kannte. Dennoch ist es Auffassung der Schriftleitung, das Wirken und die Umstände der Pensionierung des Verstorbenen nochmals Revue passieren zu lassen, denn Kießling war Zeit seines Lebens überzeugter Burschenschafter und die längste Zeit auch Verbandsburschenschafter.

Günter Kießling wurde am 20. Oktober 1925 in Frankfurt an der Oder geboren und verstarb am 28. August im beschaulichen schleswig-holsteinischen Rendsburg. Der promovierte Volkswirt stammte aus bescheidenen Verhältnissen und wuchs als Sohn eines Werkzeugmachers in Berlin auf. 1939 trat er als 14-Jähriger in eine Wehrmachts-Unteroffiziersvorschule ein. Wegen Tapferkeit vor dem Feind wurde er später mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichnet und war bei Kriegsende bereits mit 19 Jahren Leutnant und wurde an der Ostfront eingesetzt. Nach dem alles verändernden 8. Mai 1945 absolvierte er als Bauhilfsarbeiter auf dem zweiten Bildungsweg auf einer Abendschule sein Abitur in Berlin, trat während seines Studiums der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften in Bonn und Hamburg der alten ADB-Burschenschaft Sugambria Bonn bei und wurde zum Doktor der Volkswirtschaft promoviert. 1954 wurde er Leutnant im Bundesgrenzschutz. 1956 wechselte er als Oberleutnant in die neu aufgestellte Bundeswehr und 1971 – ohne Parteibuch, was bereits damals sehr ungewöhnlich war  – wurde er der jüngste General der Bundeswehr. Im September 1977, nach drei Verwendungen als Kommandeur, unter anderem bei der 10. Panzerdivision in Sigmaringen,  wechselte er nach Bonn ins Bundesministerium der Verteidigung. 1982 erfolgte dann der Wechsel zur NATO, wo er bis zu seiner Entlassung Befehlshaber der NATO-Landstreitkräfte und somit Stellvertreter des Obersten Alliierten Befehlshabers in Europa war.

Ein Lebensweg, der bereits höchste Beachtung hätte finden können, wenn ihn nicht noch ungerechtfertigte Vorwürfe in den Fokus der Öffentlichkeit gezerrt hätten: „Um ihn rankte sich ein Skandal, der die Glaubwürdigkeit von Politik und Bundeswehr zutiefst erschütterte. Günter Kießling war dabei allerdings das Opfer“, schrieb der Focus zum Tod des 83-Jährigen zutreffend. Dem Junggesellen Kießling wurden im Dezember 1983 homosexuelle Beziehungen vorgeworfen - seinerzeit für einen General der Bundeswehr ein bedenkliches Sicherheitsrisiko. Die Vorwürfe kamen aus der Kölner Homosexuellenszene und wurden von deutschen Sicherheitsbehörden geschürt. Der CDU-Verteidigungsminister Manfred Wörner glaubte den Gerüchten und entließ Kießling am 31. Dezember 1983 in den einstweiligen Ruhestand, obwohl Kießling die Vorwürfe energisch bestritt. Damit widerfuhr ihm das gleiche Schicksal wie 1938 dem Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst von Fritsch,  der auf Grund falscher homosexueller Anschuldigungen von Hitler entlassen wurde. Heute, in Zeiten, in denen zahlreiche Vertreter des politischen Establishments aus ihrer sexuellen Präferenz keinen Hehl machen, ist der damalige Vorwurf schwer nachvollziehbar.

Die Entlassungsurkunde erhielt Kießling entgegen aller Gepflogenheiten nicht vom Verteidigungsminister persönlich, sondern aus den Händen eines Staatssekretärs. Vom üblichen Zapfenstreich redete niemand. Der geschaßte General entschied sich deshalb für sein Recht und seine Rehabilitation zu kämpfen. Dies soll für ihn typisch gewesen sein, wie Bundesbrüder von ihm ausdrücklich bestätigen. Und er bekam Genugtuung, denn die Beweise waren nicht stichhaltig, Zeugen dubios, wobei herauskam, daß Minister Wörner mögliche Zeugen sogar auf Staatskosten erster Klasse nach Bonn einfliegen ließ. Das parlamentarische Nachspiel in Form eines Untersuchungsausschusses führte dazu, daß Wörner zurückrudern und beinahe den Hut nehmen mußte. Kein Vorwurf gegen Kießling hielt Stand, seine Unschuld wurde festgestellt – allerdings nach zwei Monaten, in denen die Medien täglich neue Erkenntnisse zutage förderten, die sich oft am Folgetag völlig anders darstellten. Es muß eine Zeit der unheimlichen Qual für Kießling gewesen sein. Der höchste deutsche Soldat wurde häppchenweise demontiert. Am Ende rehabilitierte selbst Kanzler Kohl persönlich den General, Minister Wörner entschuldigte sich und nach dem Besuch beim Bundespräsidenten wurde er zwei Monate nach seiner Wiedereinsetzung als General endgültig und mit allen Ehren mit einem Zapfenstreich aus der Bundeswehr in den Ruhestand entlassen.

Der Skandal ist allerdings bis heute nicht vollumfänglich aufgeklärt. Günter Kießling glaubte nicht an eine Intrige der Stasi. Und Konsequenzen mußte nur einer ziehen, der Staatssekretär, der ihm die Entlassungsurkunde überreicht hatte. Minister Wörner machte weiter Karriere als Generalsekretär der NATO. Daß die Bindung zwischen Bundeswehr und Kießling einen nicht mehr zu ändernden Riß erhielt, ist verständlich. So wurde letzterer zum Jubiläum der Bundeswehr 1985 als einziger Viersternegeneral nicht eingeladen.

Nach seiner Bundeswehrzeit war er von 1984 bis 2000 stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates der Hunzinger Information AG, der heutigen Action Press Holding AG. Zudem erteilte ihm die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg einen Lehrauftrag für das Fach „Betriebswirtschaft der Streitkräfte“. 2008 gründete er die „General-Kießling-Stiftung“ zur Pflege bundeswehreigener Traditionen mit Sitz an der Offiziersschule des Heeres in Dresden, der er 150.000 Euro aus seinem Privatvermögen stiftete.

Der General war Befürworter eines militärisch neutralen Gesamtdeutschlands als bestem  Garanten für eine europäische Friedensordnung. Seine Vorstellungen faßte er in dem 1989 im Straube Verlag erschienen Buch „Neutralität ist kein Verrat: Entwurf einer europäischen Friedensordnung“ zusammen. Eine Position, die für einen Vier-Sterne-General der Bundeswehr, die traditionell sklavisch der Westbindung verpflichtet ist, sicherlich ein Novum. In seinem Buch „Versäumter Widerspruch“ erklärt er die Teilnahme an einer  Festveranstaltung in der Jenaer Universität im Juni 1990 als einen der glücklichsten Tage seines Lebens, den die von ihm stets sehnlichst gewünschte Wiedervereinigung ermöglicht hat.

Als Burschenschafter nahm er gerne Einladungen für Vorträge an und scheute sich auch nicht, wie andere in der Öffentlichkeit stehende Verbandsbrüder, sich zu uns zu bekennen. In den Burschenschaftlichen Blättern und für die Handbücher der Deutschen Burschenschaft verfaßte er mehrfach und mit großem Sachverstand vor allem Beiträge, die sich mit  militärpolitischen Fragen auseinander setzten. Zudem war er reges Mitglied der VAB Rendsburg und besuchte regelmäßig deren Stammtische. Auch übernahm er Ämter in seinem Bund Germania Bonn.

Der Pensionär Kießling lebte bis zu seinem Tode, zuletzt sehr zurückgezogen, in Rendsburg. Er starb nach langer, schwerer Krankheit. Die Trauerfeier mit militärischen Ehren fand am Donnerstag, 10. September 2009, ebenfalls in Rendsburg statt. Die Trauerfeier hatte der Verstorbene  minutiös selbst geplant. Seine von ihm selbst entworfene Trauerkarte enthielt den mehr als aussagekräftigen Trauerspruch „In festem Glauben an seinen Herrgott wie in ungebrochener Liebe zu seinem deutschen Vaterland ist aus diesem Leben geschieden Günter Kießling, General a. D.“.

Bei der Trauerfeierlichkeit mit militärischem Zeremoniell, dem großen militärischen Ehrengeleit durch die Ehrenformation der Bundeswehr, der Kompanie des Wachbataillons, hielt der damalige Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, die Trauerrede. Dieser ist mittlerweile im Rahmen der Kundusaffäre auch in den Ruhestand entlassen worden. Unter den Trauergästen waren viele hochrangige aktive und frühere Soldaten, unter anderem Wolfgang Altenburg, zu Zeiten der Kießling-Affäre Generalinspekteur der Bundeswehr, und Carl-Hubertus von Butler, Befehlshaber des Heeresführungskommandos sowie zehn Bundesbrüder und etwa 20 Angehörige der VAB Rendsburg. In der Trauerrede seines Bundesbruders Dr. Gerd Künne attestierte dieser dem Verstorbenen einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, Selbstdisziplin und den Willen zu Leistung und Erfolg.

Einen faden Beigeschmack erhielt die Trauerfeier ebenfalls: Die Bundeswehr wollte nicht, daß die von ihr gestellte Ehrenwache mit Burschenschaftern auf einem offiziellen Foto  erscheinen könnte und der zuständige Pastor untersagte den Chargierten der Germania Barrett und Schläger zum Chargenwichs zu tragen. So ist das heute…

Die spätere Beisetzung fand im engsten Kreise in Berlin statt. Ein Bundesbruder gab ihm sein Couleur mit ins Grab, junge Aktive chargierten.

Die Schriftleitung dankt den Bonner Germanen, die bei der Erstellung des Nachrufes geholfen haben und der VAB Rendsburg für die zur Verfügung gestellten Fotos.                             

(SL)