29.04.11Zirkel und Zahnrad
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchlief die wissenschaftliche Landschaft in Deutschland einen tiefgreifenden Wandlungsprozeß. Im Zuge umwälzender technologischer Fortschritte und bahnbrechender naturwissenschaftlicher Erkenntnisse entwickelten sich neue, eigenständige wissenschaftliche Disziplinen, die über mehrere Jahrzehnte um ihre akademische Gleichberechtigung gegenüber den etablierten Fakultäten an den Universitäten zu kämpfen hatten. Im Zweiten Reich gewann diese Entwicklung eine entscheidende Dynamik und prägte die akademische Szene bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges entscheidend mit. Die sich zur gleichen Zeit nach der Reichsgründung 1871 entfaltende immense Bandbreite korporativer Zusammenschlüsse an Universitäten und Hochschulen stellt ein bis heute nachwirkendes Phänomen dar, dessen Entstehung und Ausprägung in der bisherigen historischen Forschung aber nur in Teilen erfaßt werden konnte.
Mit seiner im Jahr 2009 an der RWTH Aachen eingereichten Dissertationsschrift „Zirkel und Zahnrad“ hat sich Verbandsbruder Frank Grobe dieses Themenfeldes am Beispiel der studierenden Techniker und der technischen Burschenschaften angenommen, wobei es ihm gelungen ist, den bisherigen Forschungsstand über die studentengeschichtliche Thematik hinaus um eine interessante Facette zu erweitern. Dreh- und Angelpunkt seiner Arbeit ist die Geschichte des Rüdesheimer Verbandes deutscher Burschenschaften (RVdB) und seiner Vorgängerorganisationen bis zur Vereinigung mit der Deutschen Burschenschaft im Jahr 1919. Damit betritt der Autor ein weithin unerschlossenes Feld: In der korporationsgeschichtlichen Forschung hat der RVdB als technisches Pendant zur Deutschen Burschenschaft bislang nur wenig Beachtung gefunden, gleichwohl die Überlieferungslage als ausgesprochen günstig einzustufen ist.
Das Werk von Verbandsbruder Grobe (Teutonia Aachen) umfaßt annähernd 700 Seiten und zeichnet sich nicht nur durch ein Höchstmaß an Akribie und eine strukturierte Herangehensweise, sondern auch durch einen ebenso wissenschaftlich präzisen wie gut verständlichen Schreibstil aus. Der Autor schlägt darin einen weiten zeitlichen und thematischen Bogen: Im ersten Kapitel schildert er die Entwicklungsgeschichte des technischen Studiums im europäischen Kontext, wobei er dezidiert auf die schrittweise Wandlung der Polytechnischen Schulen zu Technischen Hochschulen eingeht. Das zweite Kapitel widmet sich den verschiedenen Facetten des studentischen Milieus und der Entstehung burschenschaftlicher Verbindungen an den Technischen Hochschulen, derweil Grobe sich im dritten Kapitel der Genese des RVdB ab 1889 zuwendet. Das kurz gehaltene vierte Kapitel befaßt sich mit dem Einfluß der Burschenschaften auf die Entwicklung des technischen Hochschulwesens und geht der Frage nach Querverbindungen und Netzwerken zu anderen Gruppierungen und Verbänden nach. In einem Unterkapitel findet sich hier auch ein Überblick über die Entwicklung der Verbandszeitschrift „Der Burschenschafter“. Einen thematischen Schwerpunkt setzt der Autor im fünften Kapitel „Die politische Ausrichtung der Ingenieure“, in welchem er unter anderem in dezidierter Form den Blick auf die ausgeprägte völkische Ausrichtung in den technischen Burschenschaften lenkt und dabei unter anderem auch antisemitische Tendenzen beleuchtet. Das sechste Kapitel ist erneut kurzgefaßt und widmet sich den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf das korporative Standesbewußtsein im Allgemeinen und die Konsequenzen für den RVdB im Speziellen. Ein Beleg für die von Grobe an den Tag gelegte Akribie ist der anschließende umfangreiche wissenschaftliche Apparat, welcher nicht zuletzt durch das 76 Seiten umfassende Quellen- und Literaturverzeichnis besticht. Auch die im Anhang enthaltenen Statistiken sowie reichhaltiges, bisher unveröffentlichtes Quellenmaterial überzeugen und vervollständigen das beeindruckende Gesamtbild.
Die Dissertationsschrift von Verbandsbruder Grobe wurde 2009 als 17. Band der „Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert“ im Universitätsverlag Winter GmbH Heidelberg veröffentlicht. Er wird den hohen formalen und inhaltlichen Ansprüchen der Reihe in gewohnter Weise gerecht. Der Autor leistet mit dieser historisch-kritischen Gesellschaftsanalyse einen wichtigen Beitrag sowohl für die burschenschaftliche Geschichtsforschung als auch zum Verständnis allgemeiner gesellschaftlicher Wandlungsprozesse und Konflikte in den fünf Jahrzehnten nach Gründung des Deutschen Reiches. Das Ergebnis seiner Forschungen ist, wie sein Doktorvater Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Armin treffend formuliert, „eine Fundgrube für die burschenschaftliche Verbandsgeschichte“.
B. Thomann (Raczeks Breslau zu Bonn 2007)
Frank Grobe: Zirkel und Zahnrad - Ingenieure im bürgerlichen Emanzipationskampf um 1900 - Die Geschichte der technischen Burschenschaft. Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im 19. und 20. Jahrhundert, Band 17. Universitätsverlag Winter 2009, gebundene Ausgabe, 702 Seiten, 11 Abbildungen, ISBN-13 978-3825356446, 48 Euro.

