Suche & Recherche

erweiterte Suche  

26.01.12Rezension: Zur Sache Sarrazin

 

Vor einem Jahr erschien Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Mittlerweile sind 1,5 Millionen Exemplare verkauft. Es ist damit das meistgelesene Sachbuch in Deutschland seit 1945. Warum wurde Sarrazins Buch von der Politik fast einstimmig verdammt, vom Volk aber so gierig aufgenommen? Weil er Themen anspricht, die sonst unter einer Tabu-Decke liegen, namentlich die Verbindung von demographischem Niedergang und mißglückter Integration vor allem muslimischer Zuwanderer. Die politische Klasse erkannte sofort, daß ihr der sonst „politisch korrekt“ eingehegte Diskurs zu entgleiten drohte, und wollte Sarrazin mundtot machen. Kanzlerin Merkel bezeichnete das von ihr nicht gelesene Buch als „nicht hilfreich“. Auf Wink der Kanzlerin und des Bundespräsidenten wurde Sarrazin aus der Bundesbank herausgedrängt, die SPD wollte ihn aus der Partei ausschließen.

Der ebenso umstrittene wie gefeierte Buchautor sollte gesellschaftlich kaltgestellt werden. Das ist aber nicht gelungen. Umfragen zeigen sogar eine mehrheitliche Zustimmung zu Sarrazin, der weiterhin publiziert und im Fernsehen auftritt. Daß „die Wissenschaft“ seine Thesen einmütig als „krude“ verwirft, wie in linksliberalen Feuilletons behauptet wurde, trifft gar nicht zu.

Dies zeigt der vorliegende Band „Zur Sache Sarrazin. Wissenschaft, Medien, Materialien“. Der Herausgeber Jürgen Bellers, Politikwissenschaftler an der Universität Siegen, hat ein äußerst spannendes Buch mit Analysen und Hintergründen von knapp zwanzig namhaften Wissenschaftlern und Publizisten zusammengetragen, die Sarrazins vielschichtiges Buch kommentieren. In ihren Analysen kommen sie zu ähnlichen Ergebnissen wie Sarrazin oder verteidigen zumindest seine Meinungsfreiheit gegen seine Gegner.

Hier sollen kurz ein paar der Beiträge vorgestellt werden: Walter Laquer hat schon vor Sarrazin in seinem Buch „Die letzten Tage von Europa“ die demographische Umwälzung beschrieben, die dazu führt, daß es in wenigen Jahrzehnten in Europa nur noch wenige, alte Europäer und eine vielerorts mehrheitlich muslimische Bevölkerung geben wird. Mit der alten europäischen Zivilisation habe das dann nur noch wenig zu tun. Allerdings ist Laquer eher Fatalist und meint, diese Entwicklung sei nicht mehr zu steuern oder aufzuhalten. Sarrazin hingegen meint, man müsse sie aufhalten und zumindest den radikalen Islam stoppen.

Der Schriftsteller Ralph Giordano sprang Sarrazin bei und bezeichnete dessen Buch als „Stoß mitten ins Herz der bundesdeutschen Political Correctness, ein Frontalangriff auf Deutschlands Multikulturalisten, xenophile Einäugige und Pauschalumarmer. Die vereinte Riege der Berufsempörer, Sozialromantiker und Beschwichtigungsapostel zerreist ein Buch in der Luft, das sie nicht gelesen hat“. Der Mainzer Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger untersucht in seinem Beitrag, warum die politisch-mediale Kampagne nicht zur Ausschaltung Sarrazins geführt hat. Die soziale Isolierung habe im Falle Sarrazins nicht geklappt, da ihm prominente Publizisten (Necla Kelek, Ralph Giordano und Henryk M. Broder) beigesprungen sind. Zudem zählt Kepplinger einige Leitartikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, etwa von Frank Schirrmacher, zur Frage der Meinungsfreiheit zu den entscheidenden Wendepunkten der gescheiterten Kampagne gegen Sarrazin.

Der Kern der skandalisierenden Diskussion drehte sich um die Verknüpfung der Reizwörter Demographie, Zuwanderung und Intelligenz. Sarrazin behauptet, daß die Unterschicht (darunter viele muslimische Einwanderer) sich überproportional vermehrt und daß dies ein Problem sei. Sarrazin möchte, daß mehr Kinder in besseren Familien geboren werden. Interessant ist nun der Beitrag des nonkonformen SPD-Politikers Mathias in dem Sammelband, der nachweist, daß auch dem von der großen Koalition und Familienministern Schmidt (SPD) eingeführten Elterngeld der Wille zugrunde lag, das schichtenspezifische regenerative Verhalten zu ändern: „In sogenannten bildungsnahen Gesellschaftsgruppen gibt es immer weniger Kinder, in bildungsfernen mehr“, beklagte Schmidt damals – kaum anders als Sarrazin.

Mit dem Elterngeld sollten Akademikerinnen zum Kinderkriegen animiert werden (allerdings läßt der Erfolg auf sich warten), die Kinderprämie für die Unterschicht wurde gekürzt. Ist das nun Eugenik? Der Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky hat sich in noch drastischeren Worten als Sarrazin über die soziale Verwahrlosung in der Unterschicht geäußert. „Schmeißt Buschkowsky aus der SPD!“ müßte also die konsequente Forderung nach der Sarrazin-Skandalisierung heißen, meint Brodkorb ironisch. Doch auch die SPD-Klientel merkt, daß in Multikultistan etwas falsch läuft, daher darf Buschkowsky in der SPD bleiben.

Der Sammelband enthält weitere, zum Teil äußerst brisante und „politisch unkorrekte“ Aufsätze zu den Themen Intelligenz (erbliche Determinierung und sozial-kulturelle Einflüsse – dargestellt von den Psychologen und Intelligenzforschern Heiner Rindermann und Detlef H. Rost), Demographie („Die Schrumpfvergreisung der Deutschen“ – vom Bremer Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn), Islam und Islampolitik (sehr kritische Analysen von Wolfgang Schwanitz und Chaim Noll sowie die umstrittene Rede des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan „Assimilation ist ein Verbrechen“) und zur Zuwanderungs- und Europapolitik (Sollte die Türkei EU-Mitglied werden?). Ein Teil der Beiträge sind in Zeitungen, etwa der FAZ, im vergangenen Herbst erschienen, doch in dieser geballten Form ist der Sammelband wissenschaftlicher Sprengstoff. Als Ergänzung zu Sarrazins Deutschland-Buch ist er politisch Interessierten und gerade Burschenschaftern zum Studium zu empfehlen.

 Franz Noll (Arminia-Rhenania München 1979)

Jürgen Bellers (Hrsg.): Zur Sache Sarrazin. Wissenschaft, Medien, Materialien, LIT-Verlag 2011,2. Auflage,  219 Seiten, ISBN: 978-3-643-10991-0, 16,90 Euro.