Suche & Recherche

erweiterte Suche  

27.04.11Lützowsche Jäger, Hisbollah und andere Terrororganisationen – Niko Colmer auf der Spur eines Phänomens

 

Seit dem 11. September 2001 glaubt die Welt in einem Zeitalter des Terrorismus zu leben – das Phänomen El Kaida („Die Basis“) hält die westlichen Staaten in Atem. Die offenkundig nicht religiös, sondern westlich-demokratisch inspirierten arabischen Revolutionen haben die Angst vor einer neuen Welle des Radikalislamismus und Terrorismus nicht völlig ausräumen können, ist doch die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbrüderschaft die „Mutter“ aller radikalislamistischen Organisationen, der engste Vertraute Osama Bin Ladens ein Ägypter, der vom weggefegten Staatschef Husni Mubarak verfolgt wurde.  
 
Der Begriff „Terrorismus“ ist jedoch diffus, schwer zu umreißen; immer wieder ist festzustellen: was für die einen Terroristen sind, sind für andere Freiheitskämpfer, ihr Krieg aus dem Hinterhalt die Angriffsform der politisch und militärisch Schwachen. Niko Colmer, Journalist einer Tageszeitung im Nahen Osten, macht gerade das Problem der unterschiedlichen Perspektive zum Leitthema seiner Studien und hat mit seinem Werk „Terrorismus“ eine Überblicksdarstellung vorgelegt, die nicht nur eine kleine Geschichte des Terrorismus skizziert, die einschlägigen Organisationen (Hisbollah, Hamas, El Kaida) und Schauplätze (Naher Osten, Mittel- und Südamerika) darstellt, sondern sich auch mit dem „Krieg gegen den Terror“ kritisch auseinandersetzt. Apropos Geschichte: wer hätte gedacht, daß das für die burschenschaftliche Geschichte so bedeutsame Lützowsche Jägerkorps (1813-1814), mit seinen 4.000 Kämpfern und zwei Kämpferinnen nach napoleonischen und heutigen Maßstäben eine Terrororganisation war, von den Franzosen als „brigands noirs“ verschrien? Sie brandmarkte man in zahlreichen Propagandaschriften als Irreguläre, Banditen und Meuchelmörder (und kündigte einen „Krieg gegen den Terror“ an).

Ein frivoler Gedanke: die Bundesrepublik verdankt ihre Farben einer kleinen Terrororganisation, militärisch bedeutungslos, aber politisch-propagandistisch äußerst wertvoll. Nico Colmer steigt mit dieser kurzen historischen Skizze (Terror made in Germany, S.19 f.) in seine gelungene Darstellung ein, die viele überraschende Informationen bereithält, die der Experte durch Studien vor Ort gewonnen hat. Beispiel Hisbollah: über einen Mittelsmann gelingt Colmer eine Reise ins „Terrorland“, der Machtsphäre der libanesischen „Partei Gottes“, die im Sommerkrieg von 2006 als „Terror-NGO“ nach 34 Tagen die hochgerüstete Armee des Staates Israel zum Rückzug zwang.        

Colmer bietet interessante Innenansichten an und beschreibt den für den Nahen Osten epochalen Konflikt von 2006, indem er auch auf die Folgen und Rezeption im Libanon eingeht. Durch seine während der Reise gewonnenen Eindrücke und im Interview festgehaltenen Äußerungen von Mitgliedern und Anhängern, Kommentaren von Medien und israelischen Armeestellen entsteht ein interessanter und faktengesättigter Bericht im Reportagestil. Höhepunkt dieser Fahrt ist der Besuch eines Militärmuseums, das von der Hisbollah als Baustein im wichtigen Propagandakrieg gedacht ist und dessen Arrangements zwischen Kitsch und Pathos pendeln. „Hisbollahwood“ – lautet die abschätzige Bezeichnung dieses Areals in Mleeta durch westliche oder pro-israelische Journalisten. Der „Freizeitpark des Dschihad“ (Colmer) wurde im Mai 2010 eröffnet. Der Journalist hat sich diesem propagandistischen Unikum auch jüngst in der Zeitschrift SEZESSION (Nr. 20, Februar 2011, Themenheft Islam) gewidmet und seine dort gemachten spektakulären Bilder kommentiert und eingeordnet. Es bleiben die Fragen: Terroristen oder Freiheitskämpfer? Landesverteidiger oder Destabilisierer einer ganzen Region?           

Colmer, der auch die westlich-europäische Rezeption und Bekämpfung der Hisbollah durch bundesdeutsche Behörden darlegt, zeigt, wie schwer ein Urteil nach Berücksichtigung vieler Hintergründe letztlich ist. Eine solch differenzierte Betrachtungsweise wird natürlich von nicht Wenigen als problematisch empfunden. Sie könnte aber hilfreich sein, wenn man sich vor Augen führt, daß der Westen nicht alle, insbesondere nicht alle islamistischen Terrororganisationen langfristig wird ausschalten können. Er muß sich nämlich auf eine „gemischte“ Strategie konzentrieren, die auf einem breiten Instrumentarium fußt, das von politischer Einbindung bis zur schonungslosen Gewalt reichen kann. 

J. Paul (Raczeks Breslau zu Bonn 2007)

Nico Colmer: Terrorismus. Reale und fiktive Bedrohungen im Nahen Osten. Ares Verlag Graz 2010. 181 Seiten, ISBN-13: 978-3902475800, 19,90 Euro.