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16.06.10Tradition mit Zukunft? Vielleicht weist ein Modellversuch den Weg zurück an die Hochschule

 

Wie können wir als Korporationen wieder an Universitäten und Fachhochschulen Fuß fassen? Diese Frage stellt sich eine große Anzahl von Studentenverbindungen angesichts zurückgehender Mitgliedszahlen. Dabei sehen die Grundvoraussetzungen für unsere Gemeinschaftsform nicht so duster aus, wie sie oft empfunden werden: Es gibt angesichts hoher Studierendenzahlen mehr Keilpotential denn je. Anders als in der Vergangenheit sind wir weder verboten noch verfolgt. Dennoch sind wir mit der Zeit mehr und mehr ins Hintertreffen geraten. Mangelnde Bekanntheit und fehlende Präsenz an den Universitäten haben zur Folge, daß die Grenze korporativen Lebens direkt an den Eingangstüren unserer Häuser verläuft. Weiter als jetzt können wir uns nicht mehr aus dem öffentlichen und universitären Leben zurückziehen.

Eine Möglichkeit, um uns besser zu positionieren, könnte in einer zukünftigen planvollen Zusammenarbeit mit den Hochschulen liegen. Wir haben als akademisch orientierte Gemeinschaft von Studenten viel zu bieten, was auch für Universitäten und Fachhochschulen interessant sein könnte. Überlegung ist, am jeweiligen Hochschulort einen wohltätigen Verein „Zur Förderung studentischer Tradition“ zu gründen. Das Konzept wäre, die bisher regelmäßig auf den einzelnen Verbindungshäusern stattfindenden akademischen Veranstaltungen in das Audimax zu verlegen. Als Gegenleistung für das zur Verfügungstellen der Räumlichkeiten würde der Verein Gelder für Universitätsbibliothek, Forschung und Wissenschaft spenden. Ferner könnten sich die Universitäten dadurch profilieren, daß Studenten das akademische Angebot erweitern. Wir hätten den Vorteil, wieder präsent zu werden und könnten so die Veranstaltungen nutzen, um für uns zu werben. Unser Ruf würde sich durch akademisches Engagement vor Ort verbessern.

Grundvoraussetzungen für einen der Zielstellung entsprechend erfolgreich agierenden Verein wären engagierte Studenten und die Bereitschaft der Korporierten vor Ort, dahingehend zusammenzuarbeiten und nicht zuletzt ein Entgegenkommen der jeweiligen Hochschule. Ein diesbezügliches Gespräch mit Verantwortlichen der entsprechenden Stelle der Humboldt-Universität zu Berlin im Juni 2006 stieß auf positive Resonanz. Die Universitätsleitung zeigte sich erfreut über ein mögliches akademisches Engagement von Verbindungsstudenten. 

Wenn vier Verbindungen je eine akademische Veranstaltung pro Semester an der jeweiligen Hochschule anbieten würden, würde Monat für Monat der Vorlesungszeit konstant Präsenz gezeigt werden können. Einmal pro Semester dahingehend aktiv zu werden, wäre auch für kleinere Bünde organisatorisch realisierbar. Folgendes Beispiel zur Veranschaulichung: Im Audimax wird eine Podiumsdiskussion zur EU-Osterweiterung organisiert. Im Anschluß findet ein Buffet statt. Dabei besteht die Möglichkeit, mit anwesenden Studenten ins Gespräch zu kommen und korporativ zu werben. Ob eine Vereinsgründung dergestalt an einem Hochschulort stattfinden wird, ist ungewiß. Ein Modellversuch würde aber zeigen, ob dieses Konzept ­–  auch in einem möglichen Zusammenhang zu den bisherigen Überlegungen zahlreicher Initiativen ­–  dazu fähig ist, uns wieder an den Universitäten Fuß fassen zu lassen.

Matthias Simon (Thuringia Berlin 2006)