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10.02.12Rezension: Polit-Kriminalfall Reichstagsbrand

 

Der Autor Fred Duswald

Mit dem Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 war unmittelbar ein epochaler und einschneidender legislativer Akt verbunden: die bereits am 28. Februar vom greisen Reichspräsidenten Hindenburg erlassene "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" oder "Reichstagsbrandverordnung".

Sie  setzte die in der Weimarer Reichsverfassung von 1919 niedergelegten Menschen- und Bürgerrechte außer Kraft. Die politischen Gegner der Nationalsozialisten bekamen diesen "Blankoscheck" bald zu spüren: sie wurden gejagt und inhaftiert, ihre Strukturen zerschlagen. Vor einem Sondergericht fanden sich nicht nur der niederländische Kommunist und Einzeltäter Marinus van der Lubbe, sondern auch noch die kommunistischen Kader Georgi Dimitroff und Ernst Torgler wieder, in letzteren vermutete man Hintermänner im Dienste Stalins.  

Der Reichstagsbrand fiel genau in die Zeit des sich zuspitzenden Wahlkampfes der für den 5. März angesetzten Reichstagswahlen (in denen die NSDAP schließlich fast 100 Sitze hinzugewann). Er mußte den Nationalsozialisten als das entscheidende Signal für den lange erwarteten Aufstand der teilweise paramilitärisch geschulten Kommunisten erscheinen; und forcierte schließlich die Umwandlung der Weimarer Republik in einen Führerstaat. Aufgrund der oben geschilderten "Spielräume", die der Regierung Hitler-Papen und der Regierungspartei NSDAP nun zufielen und ihnen das Agieren signifikant erleichterten, glaubten oder glauben viele in dem Flammeninferno ein Machwerk nationalsozialistischer Kreise erkennen zu können. Eine Aktion, perfekt geplant, gewieft ausgeführt. Ziel: die Kommunisten als Brandstifter und Staatsfeinde vorführen und eine Unterdrückung dieses an Sitzen zweitgrößten, aber an politischer Schlagkraft im Sinne des Straßenkampfes gefährlichsten Gegners rechtfertigen zu können. Der gefaßte holländische Marinus van der Lubbe – nur ein nützlicher Idiot, Statist einer politischen Inszenierung?

Ein Gedankengang, der bis heute mit zäher Hartnäckigkeit überlebt hat und immer wieder geäußert wird. Fred Duswald (Danubia München) hat sich in einem umfassenden Werk dieser winterlichen Schicksalsnacht und ihrem Echo gewidmet. Hinter dem Fall "Reichstagsbrand" fand er eine interessante Rezeptionsgeschichte, die wie ein politischer Kriminalfall anmutet. Denn bereits 1962 hatte der Sozialdemokrat Fritz Tobias (1912-2011), späterer Regierungsdirektor im niedersächsischen Landesamt für Verfassungsschutz, in seiner akribischen Studie "Der Reichstagsbrand" van der Lubbe als Alleintäter ausgemacht. Bereits im Vorfeld seiner Veröffentlichung – Tobias gab über erste Zwischenergebnisse seiner Recherchen unter anderem 1959 im SPIEGEL Auskunft – formierte sich Widerstand. Der Historiker Golo Mann nannte Tobias' Ergebnisse "volkspädagogisch unwillkommen", weitere schlossen sich dieser Marschrichtung an. Entlastung der Nationalsozialisten? Was nicht sein durfte, konnte nicht sein. Ein erster früher Vorgeschmack auf die bleierne „Political Correctness“, die mittlerweile die Historiographie der Zeitgeschichte nachhaltig prägt. Tobias schlug von Beginn seiner Studien an eine orchestrierte Ablehnung in Form einer Kampagne gegenüber: die Angriffe auf seine Person wurden von seinen Gegnern konspirativ vereinbart.

Als "Hobbyhistoriker", im "Solde von Nazis stehend" wurde der streitbare Sozialdemokrat verleumdet, trotzdem ließ er nicht locker. Duswald erinnert an diesen "Anwalt der Wahrheit", indem er dessen Werk (selbst antiquarisch nur noch schwer zu erwerben) von 1962 den Mittelteil seiner umfassenden Darstellung bilden läßt, von eigenen Studien und erläuternden Anmerkungen eingerahmt. Sie enthalten neben einer biographischen Würdigung, eine Darstellung der Atmosphäre der Zeit, in der Tobias wirkte.

Als er 1959 im SPIEGEL seine Thesen ausbreiten und untermauern konnte, löste er ein großes Echo aus. Schließlich tauchten während der vielbeachteten Serie Hakenkreuz- und "Juden raus"-Schmierereien an Synagogen in Westdeutschland auf – die Spuren führten schließlich zum KGB, dem sowjetischen Geheimdienst. Geschichte ist eben immer auch Agitationsraum, ihre Wissenschaft politischen Bestrebungen ausgesetzt. Fred Duswald erinnert daran. (BBL)

Fred Duswald, Fritz Tobias: Polit-Kriminalfall Reichstagsbrand. Legende und Wirklichkeit. Grabert Verlag 2011, 446 Seiten, gebundene Ausgabe, ISBN-13: 978-3-87847-264-3, 24,80 Euro.