07.05.09„1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte“
Burschenschaftlicher Abend der Grazer akad. Burschenschaft Cheruskia mit Generalmajor a.D. Gerd Schultze-Rhonhof

Ein Blick in die Runde der Zuhörer.

Der Referent bei seiner äußerst interessanten sowie aufklärenden Rede.
Im Rahmen eines öffentlichen burschenschaftlichen Abends konnte die Grazer akademische Burschenschaft Cheruskia Herrn Gerd Schultze-Rhonhof, Generalmajor der deutschen Bundeswehr a.D. für einen Vortrag gewinnen. Der Einladung folgten etwa 80 Zuhörer.
Der Vortragende sprach zum Thema „1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte – Der lange Anlauf zum zweiten Weltkrieg“, des Titels seines bekannten Buches. Inhaltlich ging es dabei um die Hintergründe und diplomatischen Verflechtungen, die zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges führten.
Nach einer Einleitung, welche sich mit den unzähligen politischen Spannungen nach dem Ersten Weltkrieg innerhalb Europas, sowie einem Vergleich der Rüstungsdaten Deutschlands und seiner Nachbarländer beschäftigte, brachte Schultze-Rhonhof einige Ausführungen über das heutige Geschichtsverständnis und wie es teilweise fälschlich in Schulbüchern vermittelt wird zu Gehör. Unter anderem zitiert er dabei gefälschte Hitleraussprüche, welche in Schulbüchern die Kriegstreiberei Deutschlands belegen sollen.
Das Kernthema des Vortrages bildete jedoch der Polenkonflikt. Hier ging der Vortragende neben der Danzig- und Korridorfrage (die exterritorialen Verkehrsverbindungen zwischen dem Deutschen Reich und Ostpreußen) vor allem auf die humanitäre Tragödie der Minderheiten in Polen zur damaligen Zeit ein. Er behandelte hier aber nicht wie erwartet mit Schwerpunkt die deutsche Minderheit, sondern widmete sich der großen ukrainischen Bevölkerungsgruppe.
Hitler wollte dieses Problem noch 1939 bis kurz vor Kriegsausbruch lösen, aber die Verhandlungen mit Polen scheiterten und auch ein Ultimatum konnte das von England unterstützte Polen nicht zum Einlenken bewegen und führte schließlich zum Ausbruch des Krieges. Akribisch analysierte der Vortragende die letzten Tage vor dem Angriff auf Polen, insbesondere den 16-Punkte-Vorschlag, der an Polen erging, den Nichtangriffspakt mit Stalin und die Verhandlungen zwischen Deutschland und Polen, die fast ausschließlich über England liefen.
Gegen Ende der Ausführungen kam Schultze-Rhonhof auf seine Quellen zu sprechen. Er berichtete von der selektiven Aktenveröffentlichung der einzelnen Staaten. So existieren z.B. von den veröffentlichten Akten des Auswärtigen Amtes verschiedene Versionen. Abhängig davon welcher Staat den Band herausgegeben werden einzelne Akten zurückgehalten, wohl um das eigene Verhalten nicht in Frage zu stellen.
Interessant auch, daß man beim Quellenstudium in Archiven bei Aktenbänden stets auf verräterische, blütenweiße Blätter zwischen ansonsten vergilbten Seiten achten sollte, die meist darauf hindeuten, daß hier im Nachhinein etwas verändert wurde.
Im Anschluß an den Vortrag war es möglich sich direkt mit Fragen an den Vortragenden zu wenden. Dabei wurden manche Punkte präzisiert, aber auch neue Fragen aufgeworfen. So z.B. das Thema des Überfalls auf den Sender Gleiwitz zu Beginn des Polenfeldzuges, mit welchem sich Schultze-Rhonhof aktuell beschäftigt. Er konnte dazu allerdings noch keine klare Antwort geben, da die Quellenlage äußerst widersprüchlich sei. Fakt ist jedoch, daß Hitler diesen Vorfall entgegen allen Geschichtsbüchern nie als Anlaß für den Krieg gegenüber der Öffentlichkeit erwähnte.
Generalmajor a.D. Schultze-Rhonhof brachte in seinem Vortrag somit einige interessante und neue Aspekte zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges, die man in der offiziellen Geschichtsschreibung so nicht zu hören bekommt.
stud.rer.soc.oec. Peter Dingsleder (Cheruskia Graz)
