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30.12.10Ein Rostocker Festkommers der Burschenschaft Obotritia – Wir sind ein Volk!

 

Festrede auf dem Festkommers des Korporationsringes am 2. Oktober 2010 in Rostock anläßlich des 20. Jahrestages der Deutschen Einheit, gehalten von Prof. Dr.-Ing. Vollrath Hopp, Burschenschaft Rugia Berlin

 

Die Rostocker Burschenschaft hatte zum Vorabend des 3. Oktober 2010 zu einem Festkommers eingeladen. Der Anlaß war der 20. Jahrestag zur Erinnerung an die Vereinigung der beiden deutschen Teilstaaten zu einem gemeinsamen deutschen Staat. An diesem Kommers nahmen 110 aktive Burschenschafter und Alte Herren teil. Zahlreiche Delegationen kamen aus anderen Universitätsstädten sowie aus Österreich und der Schweiz.

Als Festredner konnte die Obotritia Prof. Dr.-Ing. Vollrath Hopp, Burschenschaft Rugia Berlin und Ehrenmitglied der Universität Rostock, gewinnen. In der Festrede stellte Prof. V. Hopp insbesondere den Widerstand der mitteldeutschen Bevölkerung gegen die SED-Diktatur heraus. Er betonte, daß es den SED-Ideologen nicht gelungen war, diese Menschen sozialistisch umzuerziehen. Der mitteldeutschen Bevölkerung kommt das Verdienst zu, unter Ausnutzung der weltpolitischen Großwetterlage jener Monate, eine geeinte deutsche Nation zu erzwingen.

Als Beispiele des Widerstandes gegen die Unterdrückung in der ehemaligen "DDR" würdigte Professor V. Hopp ehemalige Rostocker Studenten, Schüler und Theologen wie Arno Esch, Ulrich Woronowicz, Uwe Johnson, Walter Kempowski, Günter Gauck und die Berlinerin Bärbel Boley. Es darf auch nicht vergessen werden, daß es nach West-Berlin geflüchtete Studenten waren, die die Freie Universität in Berlin-Dahlem gegründet haben.

Die Rostocker Burschenschaft Obotritia wurde 1883 gegründet und musste 1935 unter der Hitler-Diktatur ihre Pforten schließen. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges setzte sie mit der Wiedergründung in Hamburg 1950 ihre Tätigkeit fort. Im WS 1990/91 siedelte sie in ihre Heimat Rostock um.

Nachfolgend dokumentieren wir die Rede:

Verehrte Damen, meine Herren, liebe Studenten, liebe Bundesbrüder;

„Wir sind ein Volk!“

Am 3. Oktober feiern wir in der Bundesrepublik Deutschland den 20. Jahrestag der Einigung unserer Nation aus 2 Teilstaaten. Dieser Tag ist zum Nationalfeiertag erhoben worden. Beim Staatsakt an diesem Tage 1990 erklärte der Bundespräsident Richard von Weizsäcker: „Die Form der Einheit ist gefunden. Nun gilt es, sie mit Inhalt und Leben zu füllen. Parlamente, Regierungen und Parteien müssen dabei helfen. Zu vollziehen aber ist die Einheit durch das souveräne Volk, durch die Köpfe und Herzen der Menschen selbst.“

Der Ruf „Wir sind ein Volk“ erscholl auf den Montagsdemonstrationen in Leipzig nach den Friedensgebeten in der Nikolaikirche. Die erste Demonstration fand am 4. September 1989 statt.

Am Vorabend der 6. Montagsdemonstration am 9. Oktober wurden in der Lukasgemeinde bei Pfarrer Christoph Wonneberger 25000 Flugblätter gedruckt, die zur Gewaltfreiheit während der Montagsdemonstration aufriefen.

Ihr Inhalt lautete:

Wir sind ein Volk! Gewalt unter uns hinterlässt ewig blutende Wunden. Für die entstandene ernste Situation müssen vor allem Partei und Regierung verantwortlich gemacht werden.

An der Demonstration am 9. Oktober nahmen ca. 70000 Menschen teil. Am Montag, dem 6. November 1989, waren es eine halbe Million.

Diese Proteste aus Leipzig griffen dann auf andere Städte der ehemaligen „DDR“ über, wie z. B. Dresden, Halle, Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), Magdeburg, Plauen, Arnstadt, Schwerin und Rostock. Die Menschen wollten Freiheit, frei ihre Meinungen äußern, unbeschränkt reisen dürfen, frei sein von Bespitzelungen und Denunziationen durch den Stasi (Staats­sicherheit). Sie wollten das notwendige politische und wirtschaftliche Konzept demokratisch gestalten und es sich nicht von „oben“ verordnen lassen. Dieser Ruf der Leipziger Bürger erweiterte sich zu der Forderung einer Vereinigung des verbliebenen geteilten Rumpf­deutschlands. Am Abend des 9. November 1989 bestiegen Ostberliner Bürger die Mauer und brachten sie zu Fall. Ein geringfügiger Anlass ermutigte sie dazu. Günter Schabowski, Mitglied des Zentralsekretariats der SED, verlas einen Zettel am Abend des 9. November: „Reisefreiheit für alle Bürger der „DDR“. Diese Regelung tritt nach seiner Kenntnis unverzüglich, sofort in Kraft.“

Um der Wahrheit der jüngsten deutschen Geschichte gerecht zu werden: das Deutsche Reich wurde wegen seines selbst verschuldeten 2. Weltkrieges und des Untergangs des Nazi-Terror-Systems in 5 ungleiche Teile zerstückelt:

1.    das Saarland,

2.   der westliche Teil als Britische, Französische und US-amerikanische Besatzungszone,

3.    der mitteldeutsche Teil als Sowjetische Besatzungszone, sowie

4.    die Ostgebiete jenseits von Oder und Neiße

5.    und Ostpreußen, die unter polnische bzw. sowjetische Verwaltung kamen.

Nach der Wiedervereinigung sind diese östlichen Grenzen von der Bundesrepublik anerkannt worden.

Verfolgt man die Staatswerdung der „DDR“ nach ihrer Gründung am 9. Oktober 1949, so muß man feststellen, daß die große Mehrheit der Bevölkerung ablehnend gegenüber der sozialistischen Ideologie und der aus KPD und SPD hervorgegangenen zwangsvereinigten SED waren. Natürlich mußten viele Menschen im Alltag Konzessionen bei der Plan- und Mangelwirtschaft eingehen, um zu überleben. Außerdem war es lebensgefährlich, offenen Widerstand zu zeigen. Denn der große Bruder, die Sowjetmacht, deckte und stützte sowohl ideologisch als auch mit Waffen das „DDR“-Regime.

Umso mehr muß einzelnen Personen Respekt und Anerkennung gezollt werden, die trotzdem in Wort und Schrift ihre Stimmen gegen Unrecht, Unterdrückung und die Heran­bildung eines sozialistischen Einheitsmenschen erhoben.

Als Beispiele in der Stadt Rostock seien Studenten von der Universität genannt:

Arno Esch aus Memel/Litauen und Ulrich Woronowicz, aus Ostpreußen, beide 1928 geboren.

Arno Esch studierte Wirtschaftswissenschaften und war Mitglied der damaligen LDPD, Ulrich Woronowicz studierte Theologie.

Beide waren Mitglieder des Studentenrates und wehrten sich stark zusammen mit anderen Studenten gegen eine sozialistisch ideologisierte Einheitsuniversität.

Arno Esch wurde im Februar 1951 verhaftet und im Juni 1951 in Moskau erschossen. Eine Gedenktafel in der Empfangshalle des Hauptgebäudes der Universität erinnert an diesen mutigen Studenten. Ulrich Woronowicz verließ im Februar 1951 die Stadt Rostock, konnte unerkannt bleiben und wurde später im Bezirk Wittenberge-Havelberg ein streitbarer Super­intendent.

Walter Kempowski, geb. 1929, war ein Rostocker Reedersohn und Schüler der Goethe Oberschule. Er wurde 1948 nach einem Besuch in Wiesbaden unter Vorgabe von politischen Gründen verhaftet und zu 25 Jahren Zuchthaus in Bautzen verurteilt, von denen er 8 Jahre absaß. Er wurde später zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwartsliteratur.

Mit seiner monumentalen Collage „Das Echolot“ gelang ihm ein international anerkannter Erfolg. Er starb 2008. Die Universität verlieh ihm die Ehrendoktorwürde.

Uwe Johnson, geb. 1934 in Pommern, war Schüler des John-Brinckman-Gymnasiums in der Barlachstadt Güstrow. Ab 1952 studierte er Germanistik in Rostock. Im Mai 1953 kam es zwischen Johnson und der FDJ- bzw. SED-Leitung der Universität zu heftigen Auseinander­setzungen. Er setzte sich auf einer Protestversammlung der Philosophischen Fakultät öffentlich für die evangelische „Junge Gemeinde“ und für die in der Verfassung der „DDR“ garantierten Rechte auf Meinungs- und Religionsfreiheit ein. Außerdem prangerte er die Praktiken des Ministeriums für Staatssicherheit an den Oberschulen an!

1959 zog er nach West-Berlin um“, so nannte er es selbst. Den Begriff flüchten innerhalb Deutschlands gab es für ihn nicht.

Uwe Johnson wurde im Laufe seines Lebens ein international berühmter Schriftsteller. 1984 verstarb er mit knapp 50 Jahren. Wie Spitzeldienste zu arbeiten vermögen beschreibt der 25jährige Uwe Johnson in seinem Roman „Mutmaßungen über Jakob“, der in Wittenberge spielt. Sein 4-bändiger Roman „Die Jahrestage“ machte ihn über alle Grenzen hinaus welt­bekannt.

Am 26. Februar 2010 wurde in Rostock mit Unterstützung der Universität die Uwe-Johnson-Gesellschaft gegründet.

Auch Joachim Gauck, Jahrgang 1940, darf in der Reihe hier genannter aufrechter Bürger nicht vergessen werden.

Der spätere Pastor Gauck ist ein Rostocker Kind und war einige Jahre Dorfpfarrer in Lüssow, Kreis Güstrow.

Als sich 1989 in der Bevölkerung der Widerstand gegen die SED-Regierung formierte, wurde Gauck Mitglied des Neuen Forums in Rostock und bald zu dessen Sprecher. Ab Oktober 1989 leitete er die wöchentlichen Gottesdienste in der Marienkirche und führte die an­schließenden Großdemonstrationen an. Nach der Wende wurde er Beauftragter für die Stasi-Unterlagen und Leiter der Gauck-Behörde.

1999 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Rostock verliehen.

Joachim Gauck wurde 2000 mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet.

Es ist ein Nachteil für das geeinte Deutschland, daß Joachim Gauck sich nicht als Bundespräsident-Kandidat durchsetzen konnte. Er war und ist nach wie vor die Stimme des Volkes, das Freiheit erhalten will.

In der Reihe der Persönlichkeiten muß auch die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley gewürdigt werden. Sie wurde im Mai 1945, einem der dunkelsten Monate deutscher Geschichte, in Berlin geboren. Dort starb sie auch am Prenzlauer Berg im September dieses Jahres.

Sie war freischaffende Künstlerin und gründete in den Jahren 1980/1982 in Ostberlin die Initiativgruppe Frauen für den Frieden.

Am 9. September 1989 war sie Initiatorin der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum in Grünheide. Diese Aktivität machte sie über die Grenzen hinaus als Widerständlerin bekannt. Sie wurde 1994 mit dem Bundesverdienstkreuz und 2000 mit dem Nationalpreis ausge­zeichnet.

Öffentliche Demonstrationen, die in revolutionäre Aufstände überleiten, entwickeln sich nicht plötzlich. Dazu bedarf es einer allmählichen geistigen und politischen Vorbereitung. Je nachdem, wie stark die politische Unterdrückung zunimmt, sind es dann nebensächliche An­lässe, die eine verdeckte Unzufriedenheit und Unruhe in der Bevölkerung in offene Aufruhr umschlagen lassen. Doch es sind immer Einzelpersönlichkeiten, die unter der offiziellen Gesellschaftsfassade Widerstandsströmungen formieren und koordinieren. Das sind Lang­zeitprozeße.

Interessant ist, daß diese Prozesse einer sich verändernden gesellschaftspolitischen Haltung von Politikern häufig nicht wahr genommen werden. Sie haben sich vom Volke abgehoben, denken nur noch an die Absicherung ihres persönlichen Einflusses, ihrer Partei oder des Staates.

Sie denken nicht mehr an die Interessen und das Wohl des Volkes. Sie lassen sich nur noch dasjenige von ihren Beratern berichten, was den offiziellen Parteizielen oder Ideologien entspricht. Auch Demokratien sind vor solchen Fehlentwicklungen nicht gefeit.

Ebenfalls an der Humboldt-Universität in Berlin „Unter den Linden“ wurden in Studenten­vollversammlungen harte Diskussionen geführt zwischen den SED- und FDJ-Universitäts­leitungen einerseits und den Studenten andererseits, die sich gegen eine parteiliche Einflussnahme und eine kommunistische Studienreform wehrten. 1948 prallten die Ausein­andersetzungen so hart aufeinander, daß der SED-Geheimdienst es für nötig hielt, ein­zu­greifen. Die Wortführer der Oppositionellen verließen mit anderen Studenten den Versamm­lungs-Hörsaal und flüchteten nach West-Berlin. Dort wurden in Räumen der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) in Dahlem provisorische Vorlesungen angeboten, damit sie ihre Studien nicht unterbrechen mußten.

Die Vorlesungen wurden von Wissenschaftlern der MPG und Professoren der TU Berlin-Charlottenburg gehalten. Unter diesen protestierenden Studenten der Humboldt-Universität befand sich auch Ernst Benda, der spätere Präsident des Bundesverfassungsgerichts der Bundesrepublik West.

Die von der Humboldt-Universität geflüchteten Studenten gründeten im Dezember 1948 mit Hilfe des Westberliner Magistrats die Freie Universität Berlin.

Die amerikanische Henry-Ford-Stiftung sorgte für den Bau eines Hauptgebäudes. Doch dieser Freiheitsgeist währte nur knapp 20 Jahre. Die Kulturrevolte 1968 in Westdeutschland fasste an der FU Fuß.

In den 70iger Jahren war aus der Freien Universität eine Rote Universität geworden. Das waren schon makabre Verhältnisse im geteilten Deutschland. Im westlichen Deutschland versuchten die 68iger die gerade sich festigende Demokratie infrage zu stellen und in der „DDR“ formierte sich der Widerstand gegen den totalitären Sozialismus.

Am 17. Juni 1953 wagten die Bauarbeiter in der Stalinallee der Hauptstadt Berlin die ersten Großdemonstrationen gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Er weitete sich zu einem revolutionären Flächenaufstand in der gesamten „DDR“ aus. Gefängnisse wurden gestürmt und politische Häftlinge aus ihren Zellen befreit.

Nach wenigen Tagen einer erhofften Freiheit wurden die Aufstände von sowjetischen Panzern niedergewalzt. Viele Bürger flüchteten nach West-Berlin; andere wanderten in die Zuchthäuser, von denen Bautzen und Bützow sehr berüchtigt waren.

Daß auch in Demokratien die Volksvertreter in den Parlamenten nicht immer die Interessen ihres Volkes vertreten, zeigte der Versuch der französischen Regierung, mit Hilfe der Bundesregierung das Saarland endgültig von Deutschland abzutrennen. Auf massiven offiziellen französischen Druck verabschiedete der Saarländische Landtag 1947 eine Verfassung, nach der sich „Das Saargebiet politisch, wirtschaftlich und kulturell von Deutschland trennt und sich Frankreich anschließt“. Im Saarstatut von 1954, das zwischen dem französischen Ministerpräsidenten Pierre Mendès-France und dem Bundeskanzler Konrad Adenauer ausgehandelt wurde, sollte die Trennung des Saargebietes von Deutschland noch einmal zwischenstaatlich sanktioniert werden. Dies bedurfte der Zustimmung des Deutschen Bundestages in Bonn. Am 27. Februar 1954 stimmten 264 Bundestagsabgeordnete für das Saarstatut und 201 dagegen bei 9 Enthaltungen. Die französische Verfassung sieht aber für gravierende politische Fragen eine Volksabstimmung vor, so auch im Falle des Saarstatuts im Saarland.

Am 23. Oktober 1955 stimmte die Saarbevölkerung über das Saarstatut ab. Gegen das Saarstatut und damit gegen eine Abtretung des Saargebietes an Frankreich stimmten 67,7 Prozent. Nur 32,2 Prozent der abgegebenen Stimmen sprachen sich für einen Verbleib des Saar­gebietes im französischen Staat aus.

Die Bevölkerung – das Volk – hatte sich gegen die eigene Regierung und gegen das Bonner Parlament entschieden.

Die weltpolitische Großwetterlage und die Einsicht des Generalsekretärs der KPdSU der Sowjetunion Michail S. Gorbatschow, daß der diktatorische Sozialismus nicht mehr aufrecht zu erhalten war, begünstigte den Erfolg der Aufstände in den mitteleuropäischen Staaten und den der Bürger in der damaligen „DDR“. In Polen hatte sich die Solidarnosc-Bewegung formiert. Die ungarische Regierung hatte ihre Grenzen nach Österreich durchlässiger gemacht. Niemand von den westeuropäischen Politikern wagte eine Analyse und Voraus­schau über die beginnenden Unruhen unter der mitteleuropäischen Bevölkerung. Sie hatten alle Beziehungen zum Volke verloren. Es ist interessant und deprimierend, wie sich maßgebliche Spitzen­politiker der sogenannten Volksparteien über eine mögliche Wiedervereinigung äußerten. Alles ist dokumentiert, man kann es nachlesen, wenn man nur will.

Diese Grundhaltung eines mangelnden Wunsches nach Vereinigung der verbliebenen Teilstaaten wurde besonders deutlich in der Abstimmung des Bundestages der Bundes­republik Deutschland vom 20. Juni 1991, ob Bonn Bundeshauptstadt bleibt oder Berlin es wieder werden sollte.

Von dem Parlamentarischen Rat der Bundesrepublik Deutschland West war 1949 Bonn nur als vorübergehender Regierungssitz auserwählt worden.

Es war für die meisten Bürger in Ost und West selbstverständlich, daß Berlin so bald wie möglich die Rolle einer deutschen Hauptstadt übernehmen würde. Doch diese Selbstver­ständlichkeit wurde von Politikern und Parlamentariern problematisiert und zerredet. Man möchte meinen, daß der Verdienst der Stadt Berlin um die Freiheit und um ihren politischen Widerstandsgeist gegen Subversion und Terror plötzlich vergessen war und die vielen Bekenntnisse von Staatsmännern und Spitzenparteipolitikern zu dieser Stadt und ihrer Rolle nur ungedeckte Wechsel waren.

Denn am 20. Juni 1991 stimmten von 658 Bundestags­abgeordneten nur 51,4 Prozent für Berlin, das waren 338 Zustimmungen und 48,4 Prozent gegen Berlin, das waren 320 Ablehnungen. Das war ein knappes und klägliches Bekenntnis für Berlin als Bundeshauptstadt!

Von 505 Abgeordneten Westdeutschlands sprachen sich nur 42,4 Prozent für Berlin aus.

Die Abgeordneten aus den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen wählten mit 81,1 Prozent Berlin als Bundeshauptstadt.

Drei Jahre später nach dieser Wahl, d. h. 1994, wurde in einem Berlin-Bonn-Gesetz festgelegt, daß ein großer Teil der Verwaltungs-Arbeitsplätze der Bundesministerien in der Bundesstadt Bonn erhalten bleibt. Damit wurde der Beschluss des Bundesparlaments aus dem Jahre 1991 bewusst unterlaufen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, daß mancher Bürger der ehemaligen „DDR“ den nachfolgenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozess der Wiedervereinigung sehr kritisch und enttäuschend beurteilt. Der Ruf „Wir sind ein Volk“ ist im westlichen Teil unseres Landes kaum angekommen, obwohl dieser genauso stark für die Folgen des Nazireiches und des 2. Weltkrieges verantwortlich war wie der von den Sowjets besetzte Teil. Der unnötige innere Bürgerzwist in unserem Lande ist noch nicht beigelegt. Es muß festgestellt werden, die Voraussetzungen für eine mögliche deutsche Wiedervereinigung haben die Menschen in der ehemaligen „DDR“ gelegt. Ihnen kommt der Verdienst zu!

Den europäischen und deutschen Politikern blieb nichts anderes übrig, als dem Willen der nach Freiheit durstenden Menschen nachzukommen.

Die ersten internationalen Signale einer politischen Zeitenwende hat 1988 das Staats­ober­haupt der Sowjetunion Michail S. Gorbatschow mit seinen Begriffen Glasnost (Öffentlichkeit) und Perestroika (Umbau) gesetzt.

Die entpolitisierte Haltung und das Desinteresse großer Teile der westdeutschen Bevölkerung an einem ungeteilten Deutschland wurde schon in Kleinigkeiten deutlich.

Wollte man 1990 an einer Fahrkartenausgabe der Deutschen Bundesbahn in Frankfurt/Main eine Fahrkarte nach Rostock, Cottbus, Schwerin, Gotha oder Chemnitz (Karl-Marx-Stadt) kaufen, dann schauten die Verkäuferinnen oder Verkäufer fassungslos und sagten, „sie wüssten nicht, wo diese Städte liegen, sie hätten von ihnen auch noch nichts gehört“. Viele der jüngeren Westbundesbürger kannten nur die Städte Berlin, Leipzig, Dresden und Magdeburg. Das war das Ergebnis westdeutscher Schulbildung und mangelndes Interesse an den sogenannten „Schwestern und Brüdern“. Trotz Unterricht in Gesellschaftskunde und eines Bundes­ministeriums für Gesamtdeutsche Fragen.

Ein gesellschaftlicher Wandel und revolutionärer Umbruch ist auch immer mit einem Wertewandel verbunden. Das war bei den Alten Ägyptern, Griechen und Römern und auch in der jüngeren Geschichte so. Doch einige Werte blieben immer erhalten und überdauerten jeden religiösen, staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruch.

Das sind die Zehn Gebote, Familie, Ehre, Freiheit und Vaterland.

·         Familie bedeutet Nestwärme und das Zusammenleben und die Fürsorge von junger und älterer Generation. Das kann durch keine öffentliche Institution ersetzt werden.

·         Ehre beinhaltet Wahrhaftigkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Selbstdisziplin und Selbstverpflichtung, Respekt vor den Mitmenschen und anderen Völkern. Dazu zählt auch, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und Mut, sich diesen Fehlern zu stellen, damit sie sich nicht wiederholen. Diese mit der Ehre verbundenen Begriffe können nur vorgelebt und eingehalten werden in Verbindung mit der Freiheit.

·         Freiheit heißt Eigenverantwortung und Verpflichtung jedes Einzelnen aus sich selbst heraus gegenüber seinen Nächsten und gegenüber der Nation, in die man hineingeboren wurde.

Freiheit ist eine selbstgewählte Ordnung zu akzeptieren, aufrecht zu erhalten und den Lebensbedingungen entsprechend weiter zu entwickeln. Freiheit heißt Sicherheit vor der Willkür von Obrigkeiten, sei sie staatlicher, parteilicher oder wirtschaftlicher Natur. Eine Einengung der persönlichen Freiheit führt zu Revolutionen, Bürgerkriegen und zwischen­staatlichen Auseinandersetzungen.

Freiheit heißt auch, verantwortlich für sich selber sein zu wollen und nicht alles in unseren Lebensabläufen vom Staat regeln zu lassen. Dafür muß man schon im Kindesalter und in der Jugend vorbereitet werden. Freiheit verpflichtet zur Übernahme von ehrenamtlichen Tätigkeiten.

Ich weiß, daß nicht bei allen Menschen in unserem Lande die Begriffe „Ehre, Freiheit, Vaterland“ die Bedeutung haben, die ihnen als Orientierungswerte gebühren. Diese Begriffe sind politisch allzu oft missbraucht worden. Doch erinnern wir uns, daß schon im Alten und Neuen Testament die Werte Ehre, Freiheit, Vaterland hochgeachtet werden für das Zusammenleben einer Gemeinschaft.

Die Geschichte lehrt uns dies.

·         Denken wir an die Schlacht im Teutoburger Wald um Jahre 9 nach Christus, als sich Germanien von den Römern befreien wollte.

·         Erinnern wir uns an die Bauernkriege (1524 – 1525), die sich gegen Adel und Guts­ritter­herren wegen starker Ausbeutung wandten.

·         Der 30jährige Krieg (1618 – 1648), in dem christliche Glaubensfragen und weltliche Machtinteressen miteinander verknüpft, Menschen, Städte und Landschaften ruinierten.

·         Die Französische Revolution von 1789 ist eine Mahnung an uns alle, wohin überzogenes Herrschaftswesen führt.

·         Nicht zu vergessen ist die 2.Phase der Napoleonischen Kriege in Europa von 1806 – 1813, nämlich der Zusammenbruch des Napoleonischen Reiches. Ein großer Teil der europäischen Staaten wollte die Napoleonische Vorherrschaft los werden.

·         Zu dieser Zeit entstand 1815 die Jenaische Urburschenschaft mit den Farben Schwarz-Rot-Gold. In rascher Folge bildeten sich an fast allen Universitäten Verbindungen der Deutschen Burschenschaften. Sie strebten eine liberale nationale politische Einheit Deutschlands an.

·         Am Ende des 1. Weltkrieges in den Jahren 1917, 1918, 1919 brachen staatsverändernde Revolutionen aus. Die Völker ließen sich nicht mehr zwingen, in den Krieg zu ziehen. In Russland brach 1917 das Zarenreich zusammen, in Deutschland Ende 1918 das Deutsche Kaiserreich, auch die Donau-Monarchie Österreich-Ungarn war am Ende ihrer Zeit.

Trotz all dieser Umbrüche ist der Werteinhalt des Vaterlandes über die Jahrhunderte nicht verloren gegangen.

·         Vaterland heißt Heimatland und Heimatliebe, damit verbunden ist die Nestwärme, die jeder Mensch von seiner Kindheit an benötigt.

Nestwärme nicht nur in Bezug auf Familie, Schule und Hochschule, sondern auch auf dem Arbeitsplatz des jeweiligen Klein- oder Großunternehmens, wo der Einzelne sein tägliches Brot verdienen will und muß. Das Prinzip des Anheuerns und Feuerns, Mitarbeiter als Kostenfaktor zu betrachten, führt zur Heimaltlosigkeit und auch zum Vaterlandsverdruß.

Das ist der Anfang zu einer manipulierbaren heimatlosen entwurzelten Gesellschaft, die sowohl Freiheit und Ehre infrage stellen. Eine Europa-Union ohne Vaterlands­ver­bundenheit wird nicht von Dauer sein.

Auch Demokratien sind vor Unrecht und großen Fehlentscheidungen zum Schaden des Volkes nicht gefeit. Deshalb müssen ihre Bürgerinnen und Bürger, insbesondere aber die Studierenden politisch aufmerksam und wach sein und sich auch politisch engagieren.

Ehre, Freiheit, Vaterland sind aus langer Tradition gewachsene Wertbegriffe. Bekennen wir uns zu ihnen.

Die Deutschen Korporationen müssen sich an der Tradition und den Gründungszielen der Jenaer Urburschenschaft orientieren und sich für die Freiheit, Einheit und Ehre unseres demokratischen Vaterlandes einsetzen.

Ich danke Ihnen, daß Sie meinen Worten zugehört haben!