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13.12.10„Bielefelder Ideenwerkstatt“ beleuchtet Informationsgesellschaft

 

Am Wochenende des 27./28. November beschäftige sich die „Bielefelder Ideenwerkstatt“ mit der Wissens- und Informationsgesellschaft. Dabei wollten die Studenten der Burschenschaft Normannia-Nibelungen gemeinsam mit ihren Gästen die Risiken, aber auch die Chancen des modernen Medienzeitalters analysieren. Hierzu hatten sie namhafte Referenten aus Wissenschaft, Politik und Kultur eingeladen, welche die zur Meinungsbildung nötigen Informationen vorstellten.

Felix Menzel beim Vortrag. Fotos: Privat

Philipp Holtmann referierte ebenfalls.

Prof. Dr. Harald Seubert begeisterte mit einem rhetorisch mitreissenden Vortrag.

Bereits im sechsten Jahr fand die „Bielefelder Ideenwerkstatt“ statt. Nach einem Grundlagenvortrag durch die Burschenschafter über die Bedeutung von Begriffen wie Wissen und Information am Samstagmorgen, referierte Prof. Dr. Harald Seubert (Posen, Bamberg) über „Elend und Chancen der gegenwärtigen Universität“. Der Philosoph bezeichnete die Universität humboldtschen Geistes als seine Geliebte, für die er leidenschaftlich streiten werde. Diesen Streit führte er wortgewaltig im Kampf gegen den Bologna-Prozeß. Seubert kritisierte die Universität des 21. Jahrhunderts mit ihren Bachelor/Master-Studiengängen als Verwaltungsgebäude, in denen nicht mehr umfassendes Wissen vermittelt werde, sondern nur noch spezialisierte Bruchstücke. Der humboldtsche Geist habe ökonomischem Denken weichen müssen und fördere an überfüllten Massenuniversitäten das Mittelmaß. Die Studenten müßten über Wissenschaft und Lehre nicht mehr nachdenken, sondern seien zu reinen Modul-Organisatoren und Credit-Point-Sammlern geworden.

Dieser Auffassung trat am Sonntag der Bildungssenator a.D. George Turner (Berlin) entgegen.  Im Vortrag der „Bologna-Prozeß und die Folgen“ verteidigte der Publizist und langjährige Präsident der Rektorenkonferenz die Einführung der Bachelor/Master-Studiengänge. Es sei richtig gewesen, das Studium zu straffen und mehr Studenten an die Universitäten zu holen. Es seien aber auch Fehler gemacht worden. So habe man die alten Studiengänge einfach abzukürzen versucht, anstatt neue Studiengänge zu entwickeln. Dies habe tatsächlich zu Chaos und Überlastung der Studenten geführt. Das neue System des Bologna-Prozesses fordere auch neue Strukturen der Studiengänge. Turner kritisierte zudem die Abschaffung des Diplom-Ingenieurs. Hierzu habe keine Veranlassung bestanden, weil genau dieser Weltspitze und überall geachtet sei. Umgekehrt sprach er sich aber für die Abschaffung des Jura-Staatsexamens aus. Jura-Studenten würden zu lange durch zuviel Stoff getrieben, den die meisten später in ihren Berufen nicht mehr bräuchten.

Frischer Wind wehte im Vortrag „Medienstrategien im Zeitalter von Twitter, Facebook und Co.“ des jungen Studenten Felix Menzel. Menzel begründete 2004 die betont konservative Schüler- und Studentenzeitung „Blaue Narzisse“. Diese existiere heute nur noch im Online-Format, weil dieses Medium heute von jungen Menschen bevorzugt werde. Der Chefredakteur beklagte, daß es der Presse heutzutage an eigenen Ideen und Biß fehle. Außerdem könne man von einer Art links-liberaler Einheitspresse sprechen, die beliebig austauschbar sei. Provokativ forderte er eine Wiedergeburt konservativer Presse, die jedoch auch mutig genug sein müsse, Leser und die Öffentlichkeit vor den Kopf zu stoßen. Das Internet sei für junge Presseprodukte und mittellose Künstler der richtige Ort, um Neues anschieben zu können. Wichtig sei es, überhaupt erst einmal etwas für alle sichtbar veröffentlichen zu können. Ob dies im Internetz oder auf Papier gedruckt erfolge, sei zweitrangig.

Für die Stiftung Wissenschaft und Politik (Berlin) referierte schließlich Philipp Holtmann über „Moderne Informationstechnologie und asymmetrische Kriegsführung“. Holtmann gab einen Einblick in das Projekt „Dschihadismus im Internet“, das durch die Gerda-Henkel-Stiftung gefördert wird. Lebhaft und mit Beispielen schilderte er seinen Zuhörern, wie die Terrororganisation Al-Quaeda auf modernste Art und Weise im Internet ihre Anhänger zu Hunderttausenden erreicht. Es gäbe professionelle Strukturen, Design-Wettbewerbe, Märtyrer-Verehrung, aber auch einfachen Gedankenaustausch. Hautnah bekamen die Teilnehmer der „Bielefelder Ideenwerkstatt“ einen Einblick in die Welt gut versteckter dschihadistischer Internetforen, aus denen Holtmann Bilder und Zitate vorführte. Holtmann warnte jedoch vor falschen Schlüssen. Nicht jeder, der mit einem „Ego-Shooter“ auf dem Computer spiele, werde zum Amokläufer und so werde auch nur ein kleiner Teil der dschihadistischen Forenmitglieder zu Terroristen. Philipp Holtmann sprach sich gegen eine Sperrung dschihadistischer Internetforen aus, weil man diese gut überwachen könne. Das Ausschalten dieser Strukturen und damit verbunden das Abtauchen der Online-Dschihadisten in unüberwachbare Sphären des Internet müsse vermieden werden. Es sei wahrscheinlich, daß sich viele der vormaligen Diskutanten als Hacker betätigen würden, was neue Sicherheitsprobleme zur Folge hätte.

Für die Piraten-Partei, die mit ihrem Programm und Gründungshintergrund geradezu als Kind der Informations- und Wissensgesellschaft bezeichnet werden kann, hätte deren Pressebeauftragter Daniel Flachshaar in Bielefeld sprechen sollen. Jedoch wurde nach einigen obskuren E-Mails schließlich der Briefkasten von Flachshaar mit Farbe beschmiert. In einem Brief drohte die sogenannte Antifa dessen Familie mit Gewalt, sollte er bei der Burschenschaft sprechen. Aus Angst um seine kleine Tochter sagte der Piraten-Pressesprecher seinen Auftritt unfreiwillig ab. Der Bundesvorstand der Piraten hatte kurz davor aber bestätigt, daß gegen Flachshaars Vortrag in Bielefeld aus Sicht der Parteiführung nichts spreche.

Trotz dieses Zwischenfalls werteten alle Teilnehmer der „Bielefelder Ideewerkstatt“ das Veranstaltungswochenende als Erfolg und freuen sich bereits auf das nächste Jahr.

Hinweis: Die Diskussion im Forum der Piraten-Partei ist unter anderem hier nachzulesen.