17.02.09Marburger Diskurs
Zum vierten Mal „Marburger Diskurs“ der Burschenschaft Germania Marburg

„Marburger Diskurs“: Die Referenten Dr. Peter Schütt (links) und Dr. Klaus Rainer Röhl (rechts) klärten über die 1968er kritisch auf. Schütt, ehemals DKP, und Röhl, heute FDP, konnten aus ihrem ereignisreichen Leben zahlreiche Details zum besten geben.
Etwa 50 Teilnehmer des nunmehr vierten Marburger Diskurses der Burschenschaft Germania kamen im Oktober ins herbstliche Marburg. Das Thema lautete „40 Jahre 1968“.
Zur Einführung erklärte der Veranstaltungsleiter, daß man angesichts der mannigfachen Veröffentlichungen zu diesem Thema im Jahr 2008 der politischen Linken die Deutungshoheit über die Begriffe und die Meinungsführerschaft nicht kampflos überlassen wolle und somit das Thema zum Gegenstand des Marburger Diskurses auserkor.
Der ehemalige Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz und Senator für Wissenschaft und Forschung des Landes Berlin, Professor George Turner sprach zum Thema „68er und die Hochschulreform“. Er führte an, daß es gar nicht viel zu referieren gäbe! Als 68er bezeichne man Personen, die sich mit den Zielen und Vorgehensweisen der vor allem im Jahr 1968 aktiven Studenten identifizieren oder selbst dazu gehört haben. Turner legte dar, daß sich daraus die Außerparlamentarische Opposition bildete, kurz APO genannt. Allerdings war dies eigentlich eine antiparlamentarische Bewegung, die ihre wesentlichen Kräfte im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) besaß, von der sich die SPD 1961 getrennt hatte. Der Höhepunkt der Studentenbewegung wurde im Jahr 1968 erreicht, als die 68er die Universitäten zum Ausgangspunkt für die angestrebte sozialistische Revolution wählten und „umfunktioniert“ werden sollten. Aufgrund der Probleme an den Universitäten kam es zu einer breiten Solidarisierung der Studenten, die die Verbesserung der Studienbedingungen anstrebten. Es kam zu vielen Protestveranstaltungen, die sich jedoch zu Meinungsterror und Bedrohung der wissenschaftlichen Freiheit steigerten, wie beispielsweise Vorlesungsstörungen, Androhung und Verwirklichung von Gewalt gegen Sachgegenstände und Personen. Die Lebensgewohnheiten der Studentenschaft änderten sich radikal: Geringschätzung konventioneller Formen, Wohngemeinschaften in Form von Kommunen, Vernachlässigung von Äußerlichkeiten in Kleidung und Frisur. Ferner gab es ein weit verbreitetes Sympathisantentum unter den linken Intellektuellen für Terrorismus gegen Sachen oder gar gegenüber Personen, ganz dem Motto: Wer eine „normale“ Straftat begehe, sei schuldig, wer dies aus politischen Beweggründen tue, verdiene eine andere Beurteilung. Die 68er Bewegung erwecke heute den Eindruck, daß diese eine positiv zu bewertende Reform an den Universitäten in Gang gesetzt habe. Dies sei falsch, bestritt Professor Turner vehement, da beispielsweise die Arbeiten des 1957 von Bund und Ländern für die Hochschulen eingerichteten Wissenschaftsrats mit den Empfehlungen zur Reform der Hochschulen fünf bis zehn Jahre älter seien, als der Höhepunkt des Studentenprotests im Jahre 1968. Die Reform war allerdings so überfällig geworden, daß sie in einer Revolte ausartete. Diese Exzesse haben nach Ansicht von Professor Turner zu dauerhaften Beschädigungen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft geführt.
Der ehemalige konkret- Herausgeber und Ex-Ehemann von RAF-Terroristin Ulrike Meinhof, Dr. Klaus Rainer Röhl, referierte zum Thema „Von der Utopie zum Terrorismus“ und eröffnete seinen Vortrag mit einem regelrechten Paukenschlag: „Es gab nichts Gutes an der 68er Bewegung! 1968 ist ein mieses Produkt der Adenauer-Ära!“ Für Röhl war 1968 von Beginn an eine „schlechte Sache“ und führte zu Schäden und Defekten von Individuen und wirkte sich schließlich auf die ganze Gesellschaft aus. Die Protagonisten der 1968er „schwadronierten über einen demokratischen Sozialismus mit menschlichem Antlitz und kritisierten gleichzeitig den real existierenden Sozialismus in den Ostblock-Staaten als einen entstellten stalinistischen Sozialismus“, erklärte Röhl trotzig. Er hielt als Ergebnis der 68er Bewegung fest, daß heute eine gewisse „Beliebigkeit an Werten“ festzustellen sei. Ein wesentliches Ziel der 68er Bewegung war die „Befreiung der Sexualität“, wonach die Unterdrückung der sexuellen Triebe Persönlichkeitsdeformationen mit sich bringe und diese wiederum zu einem autoritären Charakter führe. Als vermeintliches Gegenkonzept wurde die freie Liebe in den Kommunen gelebt, um die „verkrusteten Strukturen der Familie aufzulösen“, so Röhl. Der Erfolg der 68er bestand laut Röhl in der maßlosen Überschätzung der Medien, die ihnen bereitwillig ein großes Forum boten. Deutschland verlor nicht 1945 den Krieg, sondern 1968, und diese Bewegung hinterließ unzählige Wächter der Politischen Korrektheit in Politik, Wirtschaft, Kirchen, Erziehungswesen, Bildungseinrichtungen und Medien, die in Deutschland jede offene Diskussion unterdrücke, so der Referent, der heute Mitglied der FDP ist. Schließlich kam Röhl zum Fazit seines Vortrages, indem er nicht zuletzt auch auf seine Erfahrungen und Wendungen in seinem Leben hinwies: „Der Sozialismus hat keine Fehler, der Sozialismus ist der Fehler!“
Der ehemalige DKP-Politiker und deutsche Schriftsteller, Dr. Peter Schütt, der 1990 zum schiitischen Islam konvertierte, trug zum Thema „1968 - eine Kulturevolution?“ vor. Er gab einen sehr persönlichen Einblick in die Szenerie der revoltierenden Studenten in Hamburg und schilderte, daß man damals von einem kollektiven Mao-Wahn ergriffen war, der sich aus der heutigen Rückbetrachtung nur noch sehr schwer erklären ließe. Schütt plädiert heute dafür, dass sich Deutschland der Geschichte stellen müsse und darüber zu einem neuen Nationalbewusstsein gelangen werde.
Aktivitas Germania Marburg
