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01.04.11Arabische Revolutionen

 

Ein Kommentar zu den Ereignissen im arabischen Raum

Der Islam bleibt eine Herausforderung – im arabischen Raum und auch in Europa. Die Kraft, die von ihm ausgeht, sieht man in Mekka: Jedes Jahr pilgern 2,5 Millionen Muslime an diesen Wallfahrtsort, in dem Mohamed, der Prophet des Islam geboren sein soll, zur sogenannten Haddsch. Nicht-Muslimen ist das Betreten der Stadt traditionell verboten. Foto: Fotolia

Erst Tunesien, dann Ägypten, nun Libyen: die Araber befreien sich nach und nach von ihren autokratischen Regimen. Selbst wenn man die Unterschiede zwischen der Herrschaft Ghaddafis und der „Wohlfühldiktatur“ Ben Alis im Urlaubsland Tunesien im Blick behalten muß: Markenzeichen aller drei bislang gestürzten Regime waren eine grassierende, selbst für orientalische Maßstäbe irrwitzige Korruption und haarsträubender Nepotismus. Milliarden an Volksvermögen versickerte und wurde außer Landes geschafft.         

Die Pluspunkte, die man den 24 Jahren (Ben Ali), 30 Jahren (Mubarak) und ganzen 42 Jahren (Ghaddafi – Ende ist nach gegenwärtiger Lage noch nicht abzusehen) dauernden Diktaturen beziehungsweise  Kleptokratien zunächst noch zuschreiben konnte (Stabilität, „Nationbuilding“, Ausbau des Bildungssektors, wirtschaftliche Reformen, Investitionen in die Infrastruktur, Wohlstand, Sicherung der Grenzen), wurden nach und nach durch Stagnation, Verkrustung und fehlende Rechtsstaatlichkeit konterkariert.

Die Länder, darunter das ölreiche Libyen, wurden so um Entwicklungschancen gebracht. Ironie des Schicksals: es war gerade der Ausbau der universitären Bildung, der eine junge Akademikerschicht entstehen ließ, die sich gut ausgebildet nicht mehr mit dem Status Quo zufrieden geben wollte und entsprechend ihrer Bildung wirtschaftliche und vor allem politische Teilhabe forderte. In Libyen gab sie sich noch nicht einmal mehr mit den üppigen Bestechungen des Ghaddafi-Regimes zufrieden (kostenlose Gesundheitsversorgung, hoher Wohlstandsindex).   

Folgerung: Revolutionen benötigen eine junge, akademisch gebildete Schicht als Treibsatz und Führung. Europa wird sich mit diesen Revolutionen vor der Haustür auseinandersetzen müssen, weil die nordafrikanischen Diktaturen den Zustrom aus Afrika nach Europa dämpften (als Gegenleistungen für Zahlungen der Europäer). Mittlerweile fordern nicht mehr nur „Konservative“ aufgrund drohender Zuwanderungsszenarien eine „Festung Europa“ (so auch Rainer Wendt – Gewerkschaft der Polizei). Gewisse Kreise in der Bundesrepublik und Westeuropa setzen Sympathie mit den rebellierenden Arabern mit der Aufgabe eigener, dezidiert europäischer und deutscher Interessen gleich.         

Betrachtet man die Probleme, die die islamische Migration, als Teil einer kaum regulierten Masseneinwanderung nach Europa mit sich gebracht hat, ist die Abwehr einer unkontrollierten weiteren Zuwanderung sicher ein Hauptinteresse. Die Frage ist jedoch, ob sich die Regierungen dazu durchringen können oder ob es erst der weitere Aufstieg rechtspopulistischer Parteien bedarf, damit nicht „politisch korrekt“, sondern verantwortlich und nachhaltig und gemäß der „schweigenden Mehrheit“ gehandelt wird. Wer diese Forderung stellt, ist keineswegs ein Gegner der arabischen Freiheitsbewegungen – auch wenn es die Medien einem unisono einreden wollen.       

Ebenso wenig ist es unzulässig oder provinziell, sich über die Möglichkeiten einer weiteren Islamisierung Gedanken zu machen, die Verfolgung koptischer Christen im Zuge der Nachwehen der ägyptischen Revolution sind erste nachdenklich stimmende Anzeichen. Immerhin ist Ägypten das Geburtsland der 1928 gegründeten Muslimbrüderschaft, der Mutter aller radikalislamistischen Organisationen. Auch in dieser Frage läßt man sich von den üblichen Meinungsgouvernanten besser nicht an der Hand führen.         

Die geradezu überschwänglich reagierenden Meinungsmacher in den Medien sei an dieser Stelle an ihre mitunter seltsam distanzierte Reaktion auf den Fall der Mauer und die Revolutionen in Osteuropa erinnert: weil die kommunistischen Regime politisch links zu verorten waren, genossen diese nicht selten in den Redaktionen eine unschöne Restsympathie, während die nationalen Freiheitsbewegungen nicht selten diffamiert und herabgesetzt wurden.   

Besonders unvergessen sind uns Burschenschaftern die peinlichen Kommentare linker Kreise, die 1989 den Wandel der Forderung „Wir sind das Volk“ in „Wir sind ein Volk“ begleiteten.        

Stichwort Nation: Die arabischen Revolutionen, die zu einer nachhaltigen Demokratisierung führen können, wären ohne den arabischen Nationalismus (Vaterfigur: Gamal Abdel Nasser, 1918-1970), ohne die Ausbildung einer nationalen Identität und dem Bewusstsein breiter Kreise in den genannten Staaten, Verantwortung für die Zukunft eines Nationalstaats übernehmen zu müssen, gar nicht denkbar. Das ist umso bemerkenswerter als sich Tunesien, Ägypten und Libyen erst spät aus den kolonialen Fängen osmanischer, britischer, französischer oder italienischer Prägung haben befreien können.

Das Meer von Nationalfahnen in Bengasi und Kairo sind Ausdruck dieser Entwicklung (in Libyen kehrten die Revolutionäre zur alten Fahne des 1969 abgeschafften Königreichs zurück). Sie macht deutlich: gerade eine demokratische Staatlichkeit benötigt eine Nation, die ihr solide Legitimität verleiht.  

Die Revolutionen haben auch gezeigt, wie anachronistisch und restlos verkalkt unserer Staats- und Zwangsgebührenfernsehen ist – Parallelen zum bräsigen Staatsfernsehen des ewigen Präsidenten Mubarak drängten sich förmlich auf. Während der flotte Sender Al Dschasira (Doha) ohne Werbunterbrechung aus dem Auge des Sturms in Kairo oder nun von der Front in der libyschen Wüste berichtet, hinkten die behäbigen und satten Staatssender ARD und ZDF mit ihrem „Qualitätsjournalismus“ hoffnungslos hinterher, was Ihnen eine gebührende Kritik beispielsweise der FAZ einbrachte. Anstatt Vor-Ort-Berichterstattung, starres Festhalten an „festen Sendeplätzen“ und Seifenopern.

Während Al Dschasira Berichterstatter unter größten Gefahren vom Ort des Geschehens rund um die Uhr gebührenfrei berichten ließ, zogen sie ihre schon beim ersten Pulverdampf ab. Während der arabische Sender immer wieder eine erstaunliche Anzahl von klugen und unverbrauchten Köpfen die Ereignisse einordnen und kommentieren ließ, sah man bei ARD und ZDF die üblichen Langweiler und Hofexperten, die Plattitüden von sich gaben oder das von Al Dschasira übernommene Bildmaterial verbal duplizierten. Das alles ist umso ärgerlicher, als 2013 jeder üppige Gebühren zahlen muss, auch wenn er sich ausschließlich über das Internet informiert, zum Beispiel über das „Live-Streaming“.    

J. Paul (Raczeks Breslau zu Bonn 2007)