06.05.11Wider die ´Reflexionselite`: „Burschenschafter, laßt Euch nicht stigmatisieren!“
General Jörg Schönbohm im Interview über den Irrgarten von „politischer Korrektheit“ und sein Buch „Wilde Schwermut“

Unser Interviewpartner Jörg Schönbohm, geboren am 2. September 1937 in Neu Golm, ist Generalleutnant a.D. des Heeres der Bundeswehr und ehemaliger CDU-Politiker. Er war von 1991 bis 1992 Inspekteur des Heeres. 1990/91 war er als Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost mit der Auflösung der NVA beziehungsweise der Eingliederung von ehemaligen NVA-Offizieren in die Bundeswehr betraut. Nach der Pensionierung 1992 war Schönbohm zunächst bis 1996 beamteter Staatssekretär für Sicherheitspolitik, Bundeswehrplanung und Rüstung im Bundesministerium der Verteidigung und anschließend von 1996 bis 1998 Innensenator in Berlin. Von 1999 bis 2009 war er dann Innenminister des Landes Brandenburg. Zudem gehörte er von 2000 bis 2006 dem Präsidium der Bundes-CDU an und verkörperte innerhalb der Partei noch einen der wenigen hohen Funktionsträger, die sich selbst offen als konservativ bezeichnen. Seit Juli 2009 ist er Ehrenvorsitzender der CDU Brandenburg. In seinen Reden und Schriften mahnt er immer wieder an, daß Deutschland eine Leitkultur brauche, in die die Grundlagen des christlichen Abendlands einfließen. Zudem kritisiert er regelmäßig die zunehmende „political correctness“. Er ist evangelisch, verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in Kleinmachnow im Landkreis Potsdam-Mittelmark. Foto: Oliver Wolters/Wikipedia

Jörg Schönbohm (geb. 1937), zuletzt Innenminister des Landes Brandenburg, erinnert sich: „Wilde Schwermut – Erinnerung eines Unpolitischen“, mit Beiträgen seiner Frau Eveline (464 Seiten, Tafelteil mit 30 teils farbigen Abbildungen, ISBN 978-3-938844-25-0, 29,90 Euro).

„Politische Korrektheit - Das Schlachtfeld der Tugendwächter“: Denken in den streng vorgezeichneten Bahnen derer, die in einzelnen gesellschaftlichen Bereichen und zu mehr oder weniger grundlegenden Fragen die Deutungshoheit für sich beanspruchen - und jede Verlautbarung in eine oft abstruse, von schauderhaften Worthülsen strotzende Sprache gießen. Jörg Schönbohm zeigt in beklemmender Weise, daß das, was einst sinnvoll als Kampf gegen Minderheitendiskriminierung begonnen hatte, heute immer mehr in eine Dämonisierung und Stigmatisierung von Andersdenkenden mündet (64 Seiten, Leinen ISBN 978-3-937801-56-8, 7,80 Euro).
BBl: Im Buch des Ehepaares Eveline und Jörg Schönbohm „Wilde Schwermut“ weisen Sie auf das Feierliche Gelöbnis des Bundeswehrsoldaten hin, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“. Dadurch, so folgern sie, werde man zwangläufig ein Konservativer…
Jörg Schönbohm: …Nicht zwangsläufig. Aber ich selbst bin immer als Konservativer bezeichnet worden und bin es auch. Konkret verstehe ich unter konservativ, daß wir ganz allgemein aus der Vergangenheit und insbesondere aus der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts lernen sollten. Im 20. Jahrhundert sind alle ideologischen Systeme gescheitert, die den Menschen, ausgehend von unrealistischen Einschätzungen seines Wesens, prägen wollten. Sei es der sozialistische Idealmensch, der dann unter der Führung der Partei der Arbeiterklasse den angeblich paradiesischen Endzustand des Kommunismus erreichen wollte, sei es den nationalsozialistischen deutschen Heldenmenschen…
BBl: Sie sprechen von den beiden verhängnisvollen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts?
Jörg Schönbohm: Ja, die haben ihre Zeit doch epochal geprägt, weil sie immer davon ausgingen, daß der Mensch nach ihren Vorstellungen verändert werden kann und muß. Als Konservativer denke ich jedoch, daß jeder Mensch im Sinne eines christlichen Menschenbildes unvergleichlich ist und der Staat nicht das Recht hat, ihn nach seinem Bilde zu erziehen oder umzupolen. Aufgabe des Staates ist es vielmehr, dem Menschen eine Chance zu geben, sich seinen Fähigkeiten entsprechend zu entwickeln und dafür gute Rahmenbedingungen zu schaffen.
BBl: Was steht dabei im Vordergrund?
Jörg Schönbohm: Die Familie, die durch nichts zu ersetzen ist! Sie hat sich traditionell bewährt und gibt dem Menschen Halt. Hier hat der Staat die Aufgabe durch optimale Gesetze die Art und Weise des Zusammenlebens von Frau und Mann mit Kindern optimal zu fördern und diese Keimzelle der Gesellschaft finanziell sowie ideell zu begünstigen, was leider in Deutschland nur unzureichend der Fall ist.
Und nun zu Ihrer Eingangsfrage: wer gewillt ist, sich für die Bundesrepublik Deutschland einzusetzen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, der zeigt, daß er weiß, daß unser Gemeinwesen einen Schutz braucht und den ehrenamtlichen Einsatz von Männern benötigt, die sagen, wir leisten unseren Grundwehrdienst. Und das ist eine Auffassung, die ja lange Zeit heftig umstritten war und die auch aktuell immer wieder hinterfragt wird. Und in diesem Zusammenhang sehe ich eine Bedeutung für den Dienst am Gemeinwesen an der Bundesrepublik Deutschland, so daß dieses Land seine Interessen wahrnehmen kann für uns alle.
BBl: Aber die Bundeswehr ist doch gerade auf dem Weg von der Wehrpflichtarmee zu einer Art Berufsarmee auf der Basis von ein paar Tausend Freiwilligen. Ist das der Weg in die richtige Richtung?
Jörg Schönbohm: Zunächst muß folgendes geklärt werden: wofür brauchen wir überhaupt eine Armee? Diese Diskussion findet nicht mehr in der notwendigen Tiefenschärfe statt. Dabei geht vor allem um die Frage: Von wem wird Deutschland bedroht? Wenn wir am Hindukusch bedroht werden, dann müssen wir am Hindukusch verteidigen. Wenn wir in Deutschland bedroht werden, dann müssen wir in Deutschland verteidigen. Und, nachdem wir nur noch von Bündnispartnern umgeben sind, EU und NATO, ist eine direkte militärische Bedrohung nicht mehr zu erwarten. Und jetzt komme ich auf das preußische Modell zu sprechen, was bei der Bundeswehr Pate gestanden hat: auf den preußischen Armeereformer Scharnhorst und dessen Philosophie: Jeder Bürger ist der geborene Verteidiger seines Staates. Das war die Idee der Wehrpflicht. Ich bin in den 1950ern in die Bundeswehr eingetreten und war immer ein vehementer Verfechter der Wehrpflicht. Aber die Voraussetzungen sehe ich heute als nicht mehr gegeben, daß ich einem jungen Mann sagen kann, Du mußt 12 oder 9 Monate, 6 Monate halte ich für abwegig, Deines Lebens zur Bundeswehr gehen, damit sie Nachwuchs bekommt.
Unsere Streitkräfte haben ja noch eine andere Komponente, die in den letzten Jahren erheblich vernachlässigt wurde, das ist die Komponente des Heimat- und Katastrophenschutzes. Dadurch, daß viele Fähigkeiten der Bundeswehr ins Ausland verlagert wurden, gibt es hier nur noch begrenzte Möglichkeiten. Und ich habe das bei Hochwasser an Elbe und Oder als Innenminister doch erlebt: ohne Bundeswehr können wir einen Teil dieser Krisen gar nicht beherrschen. Aber: da der Einsatz unserer Armee im Innern nicht geklärt ist, kann man, ja muß man fragen, wofür brauchen wir in Deutschland noch eine Bundeswehr im herkömmlichen Sinne?
BBl: Ihre Antwort?
Jörg Schönbohm: Die Wehrpflicht für alle ist passé. Die Bundeswehr wird und muß weiterhin so ausgerüstet werden, daß sie in der Lage ist, die Einsätze dort aufzunehmen, wo die Krisenherde sind. Von grundlegender Bedeutung ist aber noch ein weiterer Punkt: wir werden das nur leisten können im Kontext eines Zusammenwachsens von Europa. Auf sich allein gestellt kann Deutschland das nicht schaffen und zwar nicht nur aus historischen Gründen, vielmehr: wir haben die Fähigkeiten nicht.
Und wenn wir eine europäische Integration bejahen, müssen wir als größtes Land im Herzen Europas auch eine zentrale sicherheitspolitische Aufgabe übernehmen, die wir bisher nicht übernehmen konnten. Daher ist der Umbau der Bundeswehr, so wie sie der Verteidigungsminister Guttenberg vorhat, im Prinzip richtig Die ins Spiel gebrachten Zahlen wage ich allerdings zu bezweifeln….
BBl: …welche Zahlen halten sie für notwendig?
Jörg Schönbohm: Die kann ich Ihnen nicht exakt benennen! Wenn ich allerdings Personalstärken im internationalen Vergleich betrachte, also die von England, Spanien, Frankreich, usw., dann komme ich zum Schluß: jede Größenordnung unter 200.000 ist zu wenig. Und ich könnte mir vorstellen, daß eine Zahl herauskommen könnte bei circa 200.000 bis 230.000 und mit einem Heeresumfang, der höher ist als jetzt, auch mit der Fähigkeit im Inland bei Katastrophenfällen und in ähnlichen Problemfällen zu helfen.
BBl: Bezogen auf die Bundeswehr sind Sie also ein Modernisierer. Andererseits wird den Konservativen ja oft vorgeworfen, sie seien Modernisierungs- und Fortschrittsverweigerer.
Jörg Schönbohm: Sind wir Konservativen eben nicht! Thomas Mann hat einmal in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ dazu gesagt, der Unterschied zwischen Konservativen und ideologisierten Politikern bestehe darin, daß die einen die Revolution durchführen und die anderen das Bestehende erhalten und weiter entwickeln wollen. Das bringt die Problematik ganz gut auf den Punkt. Wenn Sie sich ansehen, welche Menschheitsbeglückungsideen wir im vergangenen Jahrhundert hatten, ich erwähnte es eingangs, oder wie auch immer wieder die SPD die Fiktion einer allumfassenden Gleichheit zu entwickeln versucht, da kann ich nur sagen: Es gibt zwar eine Gleichheit vor dem Gesetz und die gleiche Würde des Menschen steht in der Tat allen zu, aber in den Lebensumständen sind überall Ungleichheiten zu beobachten, weil die Menschen unterschiedlich sind. Und wir sollten diese natürlichen Differenzen anerkennen und Menschen gemessen an ihren Potentialen auch optimal fördern, allerdings auf der Basis einer realistischen Anthropologie. Nichts hat in der praktischen Politik schlimmere Folgen, als wenn Sie von falschen Grundannahmen über die menschliche Natur ausgehen.
BBl: In Ihrem Buch mit dem Titel „Wilde Schwermut“ klingt dieses übernommene Zitat von Ernst Jünger ein bißchen nach retrospektiver Melancholie von Jörg Schönbohm, nach einem anderen Buchtitel von Jünger und zwar „Siebzig verweht“…
Jörg Schönbohm: (lacht) Ja, „Siebzig verweht“, das sind klassische Tagebücher, die ich selbst mit großem Interesse gelesen habe. Ich finde überhaupt, daß Ernst Jünger eine faszinierende Persönlichkeit war, ein überragender deutscher Schriftsteller. Nun aber zu meiner Buchtitelwahl in Anlehnung an der von Jünger. Dieses Buch „Auf den Marmorklippen“, hat mich schon in meiner Schulzeit sehr beeindruckt, es war eines der ersten Bücher, die ich von Jünger gelesen habe. Und da erwähnt er im besagten Buch gleich zu Beginn, einen Rückblick an Zeiten des Glücks. Auch ich tue das in meinem Buch, das in gewisser Weise die Summe meines Lebens darstellt, aber auch eine Basis für die Zukunft sein soll. Es soll künftigen Generationen zeigen, worauf es ankommt. Und das war das Interesse von meiner Frau und mir, für unsere Kinder und die Enkelkinder einmal etwas zu schreiben, wo kommen wir her, was haben wir erlebt und was sind die Lehren für Euch.
BBl: Daran anknüpfend: das Glück der Wiedervereinigung hat Ihnen die Chance beschert, in Ihre alte Heimat Brandenburg zurückkehren zu können. Was bedeutet Ihnen Ihre Heimat und was kennzeichnet den dortigen Menschenschlag?
Jörg Schönbohm: Ich habe da eine merkwürdige Erfahrung gemacht. Wir waren vier Kinder, aber aus unserer Familie bin ich der einzige, der immer Heimweh nach Brandenburg hatte und ich kann nicht erklären, warum es so ist. Ich war 7 ½ Jahre alt als meine Mutter mit uns floh. Wir haben zu Hause viel darüber gesprochen, ich habe Fontane gelesen, ich habe mich sehr mit der Geschichte Brandenburgs befaßt. Es war möglicherweise eine Mischung aus kindlicher Erinnerung und der Hoffnung auf ein selbstgemachtes Bild. Und als ich dann mit meiner Frau, die ja ihre Kindheit und Jugend in der „DDR“ verbracht hat, wieder zurückging, habe ich beim ersten Spaziergang am Scharmützel See gesagt, „Eveline guck mal, das ist die Brandenburger Luft, hier riecht es!“
Ich bin dann richtig emotional geworden, als ich Stätten sah, die ich aus Romanen von Fontane kannte oder aus Schilderungen meiner Eltern. Heimat war für mich immer, ich sag das mal so, eine stille Sehnsucht, die mir einfach weggenommen war. Ich habe ja lange Zeit in Niedersachsen gewohnt, das Land hat viel Ähnlichkeit mit Brandenburg, so daß ich Niedersachsen schon als eine Art „Ersatzheimat“ betrachtete. Doch welch Glück, das ist nun seit 1990 anders, ich bin in meiner tatsächlichen alten Heimat, in Brandenburg, gelandet!
Kurzum: Heimat ist für mich ein Ort, zu dem man eine emotionale Bindung hat, aus dem man auch noch Kraft ziehen kann, weil man sich dort nicht lang erklären muß. Heimat erweist sich also als Gegend, in der man weiß, sie ist verläßlich, sie ist bekannt, sie gibt einem einen inneren Halt. Bei meinen drei Kindern ist das anders. Die wohnen verstreut in allen Himmelsrichtungen, für die ist Brandenburg jetzt nicht so bedeutend, aber Deutschland ist für sie wichtig. Selbstverständlich ist auch für mich Deutschland äußerst wichtig, aber die Heimat stellt, sozusagen, den emotionalen Humus, aus dem man direkt kommt, dar.
Zu den Menschen: Theodor Fontane hatte bei seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg in einem Vorwort sinngemäß geschrieben, wenn er durch die Mark fährt, dann sieht er ein karges Land, das Beste daran aber seien die Menschen. Was er damit meinte, lautet für mich: der Brandenburger ist bescheiden, fleißig, arbeitsam, klagt nicht.
BBl: Sind das preußische Tugenden?
Jörg Schönbohm: Kann sein, ich glaube, es ist eine Mischung. Aber der Rheinländer hätte auch nach 200 Jahren Zugehörigkeit zu Preußen kein richtiger Preuße werden können, weil er halt anders ist und das meine ich nicht als Vorwurf! Die preußisch geprägten Brandenburger, wenn Sie so wollen, sie sind ein schwerer Menschenschlag, den Niedersachsen ähnlich, sie haben viele Ähnlichkeiten. Man muß mit ihnen, wie man so schön sagte, einen Sack Salz gemeinsam verzehrt haben, um zu einem freundlichen Gespräch zu kommen. Und um das kommunikativ abzurunden, erst mal einen Korn und ein Bier getrunken haben, um dann vielleicht etwas erfolgreich zu besprechen. Also: es ist ein zurückhaltender Menschenschlag, aber er ist verläßlich. Das muß ich wirklich sagen. Wenn sie was absprechen, dann wird das gehalten. Ich fühle mich bei dem Menschenschlag gut aufgehoben!
BBl: Im Untertitel Ihres Buches steht „Bekenntnisse eines Unpolitischen“. Das klingt etwas widersprüchlich, weil Sie doch jahrelang nach Ihrer Militärkarriere als Politiker gewirkt haben. Meinten Sie eher „Unparteipolitisch“? Oder?
Jörg Schönbohm: Folgendes ist damit gemeint: als sich bei mir der Wechsel in Richtung Politik anbahnte, konkret mein Wechsel zum Staatssekretär des damaligen Verteidigungsministers Volker Rühe kurz bevorstand, mußte ich mir von ihm anhören, daß ich für die Politik eigentlich gar nicht tauge. Ich sei zu ehrlich und viel zu offen usw. Ähnliches hörte ich von Angela Merkel. Ich hatte mit ihr im Präsidium bei einer Abstimmung etwas besprochen und dann meinte sie, offenbar in der Bewertung meiner Art und Weise damit umzugehen, ich sei vollkommen unpolitisch. Worauf ich ihr sagte, „Frau Merkel, das mag sein, aber ich glaube, daß es richtig ist und darum mache ich das!“
„Parteiunpolitisch“, wie Sie in Ihrer Frage formulieren, ist in einem gewissen Sinne aber auch richtig. Ich bin nämlich erst 1994 in eine Partei eingetreten, in die CDU, da war ich schon Staatssekretär. Meine ganze vorherige Bundeswehr-Karriere habe ich ohne Parteimitgliedschaft absolviert, wobei ich immer eine klare Meinung gehabt habe, aus der ich nie ein Hehl machte, auch als die SPD den Verteidigungsminister stellte. Das war nie mein Problem. Denn ich war immer loyal gegenüber dem Auftrag der Bundeswehr und gegenüber dem, was mir dazu an Aufgaben gestellt wurde. Aber Parteipolitik war für mich nur Mittel zum Zweck, um Politik gestalten zu können.
BBl: Themenwechsel: die Nukleargarantie Deutschlands seitens der NATO zu Zeiten des Kalten Krieges war ja vermutlich nicht nur für Sie ein angstmachendes „Torkeln am Abgrund“. Der Erfolg gab dieser nuklearen Abschreckungsstrategie zwar recht, aber, Herr Schönbohm: Hatten wir einfach nur großes Glück?
Jörg Schönbohm: Ja! Aber nicht Glück im Sinne von Glückspiel. Es war ja eine sehr rationale Nuklear-Strategie. Was man aber nie wußte, war die Unwägbarkeit, was passiert denn, wenn einer nicht mehr rational reagierte, sondern irrational? Daher kann man sagen, es kam zu einem glücklichen Ende. Aber, die Frage, vor der wir alle standen, war ja zum einen, wie geht man eigentlich mit der Tatsache um, daß die Sowjetunion eine massive Überlegenheit an konventionellen Truppen hat. Und zum anderen, wie gehen wir mit dem Realfaktor um, daß die Kenntnis und die Fähigkeit zur Herstellung von Nuklearwaffen in der Welt sind - es gab ja dann auch noch die chemischen und biologischen Kampfmittel - und wie kann man das sicherheitspolitisch erfolgreich ausbalancieren? Und meine erste Diskussion um die Nuklearzeitprobleme ging dahin, daß man davon ausging, wenn es zum Krieg käme, gibt es nur Nuklearkrieg, ein erschreckendes Szenario. Doch später hat sich die Strategie dann doch etwas gewandelt…
BBl: …zur flexiblen Reaktion?
Jörg Schönbohm: Ja, aber sie war ein ziemlich kompliziertes Konstrukt, schon für Fachleute auf dem Gebiet und erst recht für interessierte Laien. Viele haben die „flexible Antwort“ in ihrer nüchtern kalkulierten Eskalationsabstufung von Antworten auf eine Warschauer-Pakt-Aggression gegen die NATO nicht richtig verstanden. Aber im Ergebnis, glaube ich, kann man sagen, wir haben Glück gehabt!
Es gibt eine ganze Menge kluger Abhandlungen, die alle besagen, daß der NATO-Doppelbeschluß und das geplante Raketenabwehrsystem „SDI“ zusammen, die Voraussetzung dafür schufen, um die marode Sowjetunion in die Knie zu zwingen, weil sie beim wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Ost-West-Wettlauf nicht mehr mithalten konnte. Ich stimme diesen Deutungen zu.
BBl: Wurde der Nuklearkrieg vielleicht auch deswegen nicht geführt, weil er nicht gewinnbar war?
Jörg Schönbohm: Er war für keine Seite gewinnbar. Dafür stand die gegenseitig gesicherte Vernichtungsfähigkeit und sie führte dazu, daß keiner den ersten Schlag wagte. Ich glaube, daß das eine ganz entscheidende Komponente in dem System der Abschreckung als Kriegsverhinderungsstrategie war.
BBl: Vom militärischen Gefechtsfeld zum Schlachtfeld der Tugendwächter, jener politischen Korrektheit, die sie in vielen Veröffentlichungen auf- und angegriffen haben. Wenn Sie sich einmal in die Brückenköpfe der Akteure hineinversetzen, die diese politische Korrektheit betreiben, wen sehen Sie da? Helmut Schelsky nannte diese ja in seinem Spätwerk „Die Arbeit tun die anderen - Priesterherrschaft der Intellektuellen“ eine Reflexionselite!
Jörg Schönbohm: Hier spielen mehrere Faktoren und ihr Zusammenwirken eine Rolle. Wir haben zunächst eine erhebliche Zahl von 1968er geprägten Linksintellektuellen, deren Deutungsherrschaft über Massenmedien sich mit den Absichten von SPD und Linkspartei dahingehend verknüpft, eine grundgesetzlich garantierte Diskussionen über bestimmte Sachverhalte zu unterbinden. Ließen sie nämlich eine offene Diskussion zu, wie in einer normalen Demokratie eigentlich üblich, zögen sie argumentativ den Kürzeren. Deswegen setzen sie, leider ziemlich erfolgreich, das Kampfmittel „Diskussionsverbot“ durch vorbeugende Denunziation ihrer Gegner als „Nazis“ oder „Rechtsextreme“ ein, das nach wie vor eine reflexhafte Distanzierung im deutschen Kommunikationsfeld auslöst. Oder, um es in die Worte von Arnulf Baring zu kleiden: Wer heute in Deutschland seinem Gegner vorhält, er sei rechtsextrem, will ihn vom Diskussionsprozeß ausschließen! Das ist leider wahr!
Ich will Ihnen ein Beispiel dazu nennen, was ich selbst leidvoll erleben mußte, als ich 1996 als Innensenator von Berlin gesagt habe, Integration sei keine Einbahnstraße. Wir brauchen eine Leistung von beiden Seiten. Wer auf Dauer hier leben will, muß Deutsch lernen und muß sich integrieren. Daraufhin wurde ich heftig angegriffen, die absurde Stoßrichtung lautete: Ich wolle germanisieren, assimilieren, oder, ganz platt: ich wollte, daß alle Eisbein und Sauerkraut essen. Auf diesem Niveau wurde die Diskussion tatsächlich geführt und der damalige Innenpolitiker Otto Schily kam sich nicht zu dumm vor, dieses unwürdige Spiel mitzumachen.
Anderes Beispiel: 1996/97 veröffentlichte ich unter der Überschrift „Multikulti, die letzte Utopie der Linken wird scheitern“ in der „Berliner Zeitung“ einen Artikel über Leitkultur, das heißt, warum Multikulti der Weg ins Nirwana ist. In dem Beitrag erläuterte ich meine an einer deutschen Leitkultur orientierten Gedankengänge, die auch zu entsprechenden Schlußfolgerungen führten, zum Beispiel, daß wir wissen müssen, was uns zusammenhält. Kurzum: ich näherte mich den Fragestellungen aus konservativer Sicht. Ein Sturm der Entrüstung prasselte sofort auf mich nieder, ich bin im wahrsten Sinne niedergemacht worden. Nur wenige Leute haben mich unterstützt. Einer von ihnen war übrigens Klaus Bölling, der frühere Regierungssprecher von Kanzler Helmut Schmidt, der mir anvertraute, daß das, was ich geschrieben hatte, genau das sei, was Helmut Schmidt auch denkt!
BBl: …womit wir beim Fall Sarrazin angekommen wären. Inwiefern hat sich die Diskussionslage jetzt durch ihn verändert?
Jörg Schönbohm: Sarrazin trifft mit dem, was er sagt und schreibt, die Erfahrungen und Gefühle vieler Menschen. Nicht umsonst konnte er den größten Sachbucherfolg seit 1945 landen, mit zurzeit über 1,3 Millionen verkauften Exemplaren von „Deutschland schafft sich ab“. Gewiß, er überspitzt bisweilen, aber er erweitert damit die Diskussionsgrundlage, er verbreitert damit den Diskurs in einen Bereich hinein, der in unserer Demokratie lange Zeit auszublenden versucht wurde. Und zwar von jenen, die ihre Vision einer konfliktfreien Multikulti-Wohlfühlgesellschaft durch den Sarrazin-Spiegel gefährdet sahen und sehen…
BBl: …er kann jetzt, ohne den reflexhaften Vorwurf „rechtsextrem“ zu sein, zitiert werden. Das ist doch ein Fortschritt oder?
Jörg Schönbohm: Durchaus ! Nur der SPD-Parteichef Gabriel möchte ihn ja nach wie vor aus der Partei ausschließen. Das ist natürlich die übliche Nummer! Eine Partei wie die SPD, die linke Spinner in ihren Reihen hat, und einen Mann, der die Situation beschreibt, die richtig ist, den kann man doch nicht ausschließen. Ich glaube, das wird er nicht schaffen, das würde die Partei zerreißen, wenn die SPD das macht. Oder ihren Abwärtstrend als ehemalige Volkspartei fortsetzen, mit Wahlergebnissen von demnächst dann von 20 minus x-Prozent.
BBl: Abschließend noch eine Frage sozusagen in eigener Sache. Herr Schönbohm, was raten Sie jungen Menschen, die sich in einer studentischen Korporation, zum Beispiel in einer Burschenschaft engagieren wollen?
Jörg Schönbohm: Ich selbst war zwar nicht Verbindungsstudent, doch immer wieder Gast bei Burschenschaften, zum Beispiel in Hannover. Mich haben derartige Besuche immer sehr angesprochen, auch in Hamburg, als ich bei einer burschenschaftlichen Großveranstaltung mit Gästen aus Österreich unter heftigem Polizeischutz eine Rede hielt. Dazu hat es dann nachfolgend eine mündliche Anfrage im Landtag von Brandenburg gegeben, ob der Innenminister auf dem Wege nach Rechtsaußen sei. Nun gut, daß kann man ja alles mit einer inneren Gelassenheit ertragen.
Grundsätzlich ist zu Burschenschaften und anderen Korporationen folgendes zu sagen: Was sie nicht zulassen dürfen ist, daß sie noch weiter stigmatisiert werden. Denn diese Stigmatisierung ist etwas, was mich an der ganzen Sache so empört. Heute kann sonst jeder jeden Unsinn sagen, er kann in der linksextremen „Kommunistischen Plattform“ Großvater Karl Marx bei wehenden Hammer-und-Sichel-Fahnen bewundern und als Patentrezept zur Lösung heutiger gesellschaftlicher Probleme anbieten, das ist dann im Land der politisch Korrekten alles in Ordnung. Aber wenn sich Studenten heute in Burschenschaften engagieren, die in einer altehrwürdigen, demokratischen und rechtsstaatlichen Freiheitstradition des 19. Jahrhunderts stehen, dann wird versucht, dies abzuwürgen beziehungsweise in die rechtsextreme Ecke zu drängen. Dagegen bin ich!
Ich habe Burschenschafter ja immer wieder auf ihren Häusern erlebt. Das sind ordentliche junge Männer, die können sich benehmen, die diskutieren miteinander und laden auch Andersdenkende ein, kurzum: einer Korporation beizutreten und dort als Burschenschafter aktiv zu werden, daß kann eine ganz gute Schulung für junge Männer sein. Machen Sie also weiter so und lassen Sie sich von niemandem einschüchtern!
BBl: Vielen Dank für das Gespräch!
