Heftarchiv der Burschenschaftlichen Blätter
Burschenschaftliche Blätter, Ausgabe 4/2009
Schwerpunktthema: 1989 - 2009: 20 Jahre Mauerfall
- Michael Paulwitz: Einigkeit und Recht und Freiheit
- Claus Renzelmann: Der die Vollendung der Straftat verhindernde
Grenzposten handelte vorbildlich - Harald Seubert: Die ,friedliche Revolution von 1989‘:
Reflexionen nach 20 Jahren - Peter Batsch: Der lange Weg zum 9. November 1989 - Warum fiel die Berliner Mauer? - Ein Veranstaltungsbericht
- Interview mit Rainer Ortleb: Die Deutschen interessieren sich
zu wenig füreinander - Jorge Sandrock: Der volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff aus Sicht
eines chilenischen Burschenschafters - Frank Grobe: Zukunftskonzept Deutsche Burschenschaft
Einigkeit und Recht und Freiheit
Von Michael Paulwitz (Normannia Heidelberg)
Die deutsche Einheit ist Realität, seit zwanzig Jah ren. Aber wie steht es um nationale Identität, Rechtsstaat und Meinungsfreiheit in der Berliner Republik? Leben wir nun im „freiesten Staat, der je auf deutschem Boden bestanden hat“, oder befinden wir uns in einer neuen „Groß-DDR“? Knapp zwan zig Jahre nach dem Fall der Mauer und neunzehn Jahre nach der Unterzeichnung des Einheitsvertrages fallen die Antworten durchaus zwiespältig aus. Die deutsche Einheit ist Realität, seit fast zwei Jahrzehnten; doch die deutsche Demokratie steckt in einer Legitimitätskrise. Und von einer gemeinsamen Identität als wiederzusammengewachsene Nation sind die Deutschen noch immer weit entfernt. Mit einer vermeintlichen „Mauer in den Köpfen“, die in den neunziger Jahren die deutschen Selbstbespiegelungsdiskurse beherrschte, hat das recht wenig zu tun. Kaum zufällig ist der Wettbewerb für ein nationales Einheitsdenkmal so kläglich gescheitert. Die Deutschen sind mit sich selbst noch immer nicht im Reinen. Wäre es anders, müßte der Tag der deutschen Einheit als Nationalfeiertag stärkere Emotionen auslösen und unbefangener, stolzer, freudiger begangen werden, als dies mit den üblichen gähnend langweiligen Festreden-Pflichtübungen auch diesmal wieder geschehen wird. Der Tag selbst freilich sperrt sich gegen eine Hochstimmung, die das ganze Volk einen könnte. Es ist ein Bürokraten-Feiertag, der an ein Ereignis erinnert, an dem nicht das Volk, sondern die führenden Anzug träger der beiden Teilstaatswesen im Mittelpunkt standen. Der Beitritt der mitteldeutschen Bundesländer zur Bundesrepublik Deutschland, der im mühselig ausgehandelten Paragraphenwerk des Einigungsvertrags auf eben diesen 3. Oktober festgelegt worden war, war ein wichtiges Ereignis, aber keines, das die Massen mitreißt...
"Der die Vollendung der Straftat verhindernde Grenzposten handelte vorbildlich"
Von Claus Renzelmann (Franconia Münster)
Einige Male im Leben hat man das Gefühl, unmittelbar Geschichte zu erleben. Mir ging es so, als mich im Jahr 1998 die Eheleute Teschke aufsuchten. Sie waren nach einer mißglückten Republikflucht inhaftiert worden und hatten ihr gesamtes Vermögen verloren (mitgeführte Gegenstände galten als Tatwerkzeug und wurden beschlagnahmt und – wie auch immer – verwertet).
Nach der Maueröffnung und der Auflösung er „DDR“ wurde das Ehepaar rehabilitiert. Meine Aufgabe war es nun, Ersatzansprüche gegenüber dem hierfür eingerichteten Amt geltend zu machen. Da hierfür eine intensive Beschäftigung mit dem Vorgang des Grenzübertritts selbst erforderlich war, erhielt ich Gelegenheit, die seinerzeit angefertigten Berichte der Staatssicherheit einzusehen. Hierbei entpuppte sich der vermeintliche Routinefall als einer der spektakulärsten „Grenzzwischenfälle“ in der innerdeutschen Geschichte. Die Ereignisse von 1985 werden im folgenden aus der Anwaltsakte wiedergegeben. Aus Gründen der historischen Wahrheit und Authentizität soll die Staatssicherheit selbst, die natürlich eine umfangreiche Akte über den Vorgang anlegte, zu Wort kommen. Das krude Deutsch der Apparatschiks kann hierbei durchaus Indikator für die merkwürdige Weltsicht sein, der man bei der Staatssicherheit unterworfen war:
„Zusammenfassender Bericht zum Er kenntnisstand der Untersuchung des versuchten gewaltsamen ungesetzlichen Grenzübertritts DDR-BRD vom 18.03.1985 im Grenzstrecken abschnitt der Eisenbahn-GÜST (Grenz -
übergangsstelle, d. Verf.) Ellrich/Kreis Nordhausen, Verfasser Generalmajor Schwarz (Chef der Erfurter STASI, d. Verf.) /Oberstleutnant Wunder...
Die ,friedliche Revolution von 1989‘: Reflexionen nach 20 Jahren
Von Prof. Dr. Harald Seubert
„Was für ein Jahr! Im Jahr des 100. Geburtstages von Hitler eine reguläre bürgerliche Revolution! Und wir waren dabei!“, so notierte Walter Kempowski am 31. Dezember 1989 in sein Tagebuch. Im Jahr 1989, so sagte der britische Historiker T. G. Ash ergänzend, ging ein Völker- und Bürgerfrühling durch Europa. Es war eine Revolution eigener Art, die freilegte, schonte begründete; die nicht tötete, und die sich damit von der ‚Mutter aller Revolutionen der Neuzeit‘, der französischen aufs deutlichste unterschied.
Was 1989 bedeutete, kann man im Kontrast zu der Großen Französischen Revolution von 1789 besser erkennen. Mit einer Faszination, die bald schon tiefem Erschrecken wich, nahmen Kant, Schiller, Fichte, Hegel und viele andere wahr, wie die Revolution ihre Kinder fraß und sich gleichsam in einer umfassenden Zerstörungsmacht gegen sich selbst wendete. Hegel brachte dies auf die berühmte Formel von der ‚Furie des Verschwindens‘, die entfesselt ward, als sich die leere, abstrakte Freiheit absolut setzte. Alles Einzelne wurde, so Hegel, zur Staatsaktion. Die großen universalen Parolen und ihre Realisierung lassen nichts neben sich bestehen, sie brechen mit christlicher Tradition, mit Herkunft, mit menschlichem Leben. „Das einzige Werk und Tat der allgemeinen Freiheit ist daher der Tod und zwar ein Tod, der keinen inneren Umfang und Erfüllung hat“. Die absolute Freiheit treibt also einen gleichfalls unbegrenzten Schrecken aus sich hervor...
Der lange Weg zum 9. November 1989 – Warum fiel die Berliner Mauer?“ – Ein Veranstaltungsbericht eines Abends mit Bundesminister a. D. Dr. Dieter Haack
Von Peter Batsch (Borussia Wolfenbüttel, Sudetia München)
Berliner Mauer veranstaltete die Erlanger Vereinigung alter Burschenschafter auf dem Haus der Erlanger Burschenschaft Germania am 9. November einen Vortragsund Diskussionsabend mit dem ehemaligen Bundesbauminister Dr. Dieter Haack (Bubenruthia Erlangen), SPD, zu den Hintergründen der friedlichen Revolution in der „DDR“ und anderen Ostblockstaaten. Als letzter Vorsitzender des Kuratoriums Unteilbares Deutschland und bekannter Parlamentarier sowie bedeutendes Mitglied der Evangelischen Kirche, konnte er über die vielfältigen, auch geheimen Bemühungen der Bundesregierung und westdeutscher Organisationen um menschliche Erleichterungen in den Warschauer Paktstaaten und die Kontakte zu Bürgerrechtsgruppen in Osteuropa berichten.
Der 1961 promovierte Burschenschafter (Ehrenband der Bubenreuther) spannte vor den Aktiven und Alten Herren einen Bogen von der Verabschiedung des Grundgesetzes 1949 bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten im Jahre 1990. Er betonte besonders das Wiedervereinigungsgebot der Präambel des Grundgesetzes, daß die gesamte westdeutsche Politik unter Prämisse einer aktiven Förderung der Wiedervereinigung stellte. In den ersten Jahren der Bundesrepublik stand die Westintegration zur Sicherung der eigenen Existenz durch die Erlangung einer geachteten Position bei den Westalliierten nach den Naziverbrechen sowie der Beginn der europäischen Zusammenarbeit in der EWG im Vordergrund. Die SPD lehnte die Wiederbewaffnung und den Natobeitritt anfangs vehement ab...
"Die Deutschen interessieren sich zu wenig für einander"
Interview mit Bundesminister a. D. Rainer Ortleb
BBl: Was „wuchs zusammen, was zusammengehört“, wie Willy Brandt es kurz nach der „Friedlichen Revolution“ einmal ausdrückte, oder sehen Sie gravierende Defizite auf dem Weg zur inneren Einheit der Deutschen?
Rainer Ortleb: Gravierende Defizite sehe ich nicht. 40 Jahre real existierender Sozialismus und die mörderische Teilung Deutschlands haben aber Spuren bei den davon betroffenen Menschen hinterlassen: in den Köpfen, in den Seelen, auch im Lebensstandard. Es existiert nach wie vor zum Beispiel ein ökonomisches Gefälle zwischen Ost und West. Tendenz: langsame, für viele: zu langsame, Angleichung. Der Osten holt zwar auf, doch vielen meiner Landsleute dauert dieser Prozess zu lange und es gibt – leider – auch Rückschläge, zum Beispiel die Landflucht der Jugend oder die Mängel in der Medizinversorgung jenseits der Zentren. Bei den ökonomischen und sonstigen Defiziten spielen die deklassierten alten „DDR“-Eliten eine bisweilen ungute Rolle. Einige von ihnen schüren eine ost-westliche Neiddebatte und sie gefallen sich dann in der Beschwörung der alten, angeblich besseren Zeit eines fürsorglicheren SED-Staates, unter völliger Ausblendung seiner Diktaturrealität. „Partial-Nostalgie“ nennen Sozialwissenschaftler dieses Phänomen.
BBl: Abgesehen von dieser Partial-Nostalgie alter „DDR“-Eliten als Störgröße im Einheitsprozeß: ist Ihre Zwischenbilanz nach 20 Jahren deutsche Einheit eher
positiv?
Rainer Ortleb: Sie ist eindeutig eher positiv. Wer die Lage genau analysiert und mit den maroden Verhältnissen der End-„DDR“ 1988/89 vergleicht, kommt zu dem Ergebnis: es gibt sie durchaus, die von Kanzler Helmut Kohl kurz nach der „friedlichen Revolution“ versprochenen „blühenden Landschaften“! Und zwar in Form einer Fülle von zum Beispiel frisch renovierten Häusern in den Kommunen von Stadt und Land, in der Gestalt von neu asphaltierten und schlaglochfreien Straßen sowie in gut ausgebauten Bahnlinien. Kurzum: wo früher tristes Grau in Grau herrschte, dominieren heute lebensfrohe Farben einer positiven Veränderung. Denken Sie nur zum Beispiel an Leipzig und seinen neuen Prachtbahnhof oder an das glänzend herausgeputzte Rostock; auch an die vielen Fortschritte in den kleineren Gemeinden landauf, landab. Wer das übersieht, ist –buchstäblich – auf beiden Augen blind, bisweilen ideologisch blind, weil nicht sein darf, was nicht sein soll. Grundsätzlich gilt: es kommt immer darauf an, was man sehen will. Wer in verengter Perspektive nur inheitsfeindliche Defizite sucht, der wird diese zweifellos finden. Wer aber die gelungenen Aufbauleistungen betrachtet, wird nicht nur diese vorfinden und sich darüber freuen. Positiv motiviert, wird er an der Weiterentwicklung des schon Erreichten freudig mitwirken. Das verstehe ich als einheitsförderliche
Führungs-Motivation. Und darauf kam es an und kommt es an...
Der volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff aus Sicht eines chilenischen Burschenschafters
Von Jorge Sandrock (Araucania Santiago, Normannia Heidelberg)
Ich habe eine Thematik ausgewählt, die maßgebend für die Identität der deutsch-chilenischen Gemeinschaft und für die Burschenschaften in Chile ist. In der über hundertfünfzigjährigen Geschichte unserer Gemeinschaft konnten wir einen besonderen Charakter pflegen und bewahren: Diese Besonderheit gründet auf der binationalen Identität der Deutschchilenen. Bevor ich über die Deutung dieses besonderen Charakters spreche, möchte ich zuvor einige Konzepte definieren, die üblicherweise falsch verstanden werden und daher zu Verwirrung führen: Normalerweise werden die Begriffe Nation und Staat als Synonym verwendet, besser gesagt, beide Konzepte werden verwechselt. In der Staatslehre, beziehungsweise in der Gruppentheorie, haben beide Begriffe eine unterschiedliche Bedeutung und werden daher klar unterschieden.
Der Begriff „Staat“ ist ein politisches und juristisches Konzept. Der Staat ist somit eine Gesellschaft – und findet sein wesentliches Element in der Organisation, das heißt, die juristische und politische Struktur gründet (definiert) den Begriff Staat. Der Begriff Nation andererseits ist ein soziologisches Konzept. Die Nation ist eine Gemeinschaft – keine Gesellschaft – und findet ihr wesentliches Element im Zugehörigkeitsgefühl, das heißt, ein Gemeinschaftsgefühl gründet (definiert) den Begriff Nation. Der französische Philosoph Jean Jacques Maritain sagt, daß eine Nation keine Gesellschaft ist, weil sie sich nicht politisch definieren lässt: sie ist eine „Gemeinschaft von Gemeinschaften“, „ein bewusster Kern von gemeinsamen Gefühlen“...
Zukunftskonzept Deutsche Burschenschaft
Von Dr. Frank Grobe (Teutonia Aachen)
Nachdem in der vergangenen Ausgabe die innerverbandliche Diskussion über die Zukunft unserer Deutschen Burschenschaft endlich angestoßen wurde, habe ich mich entschlossen, meinen bereits im April dieses Jahres konzipierten Aufsatz in unserem Verbandsorgan zu veröffentlichen. Bereits vor kurzem hatte ich den Aufsatz auf dem internen Portal unseres Verbandes eingestellt. Der dortige Teilnehmerkreis ist jedoch sehr begrenzt. Das Forum wird überwiegend von einigen wenigen „jüngeren“ Alten Herren genutzt. Ältere Mitglieder, aber besonders Aktive und auch einige Verbandsobleute verweigern sich hingegen dieser neuen Kommunikationsart. Unseren Verbandsbrüdern entgehen daher konstruktive Beiträge und Informationen. Dies führt dazu, daß Teile unserer Verbandsmitglieder über ein Informationsdefizit verfügen. Sie erhalten meist nur über den sogenannten „Flurfunk“ innerhalb der VABen – denen auch Neue-DB-Mitglieder angehören – Neuigkeiten, die nicht immer den Tatsachen entsprechen und zu Fehlurteilen führen können. Damit der Diskurs nicht zum Erliegen kommt, habe ich mich daher entschlossen, diesen Aufsatz zu erweitern und zu aktualisieren. In den kommenden Jahren (2015–2019) begeht die Deutsche Burschenschaft mehrere geschichtsträchtige Jahrestage. Neben der Gründung der Urburschenschaft vor 200 Jahren, zeugen weitere Jubiläen und Ereignisse wie das Wartburgfest und die Ermordung Kotzebues durch Sand und die daraus resultierenden Karlsbader Beschlüsse von der geschichtsmächtigen Bedeutung der Burschenschaft. Aber es gilt nicht nur Gedenken und Rückbesinnung: Wie steht es heute nach fast zweihundert Jahren um die Burschenschaft...

