Heftarchiv der Burschenschaftlichen Blätter
Burschenschaftliche Blätter, Ausgabe 3/2009
Schwerpunktthema: Quo vadis, Deutsche Burschenschaft?
- Schriftleitung: Wer ist eigentlich die Deutsche Burschenschaft und wo steht sie heute?
- Gerhard Schlüsselberger: Strenge Rechnung, gute Freunde...
- Jörg Haverkamp II: Wer ist das Volk?
- Stefan Stein: Oh alte Burschenherrlichkeit
- Hans Ohnacker, Hans-Oskar Roth, Dieter Schlosser und Edgar Sirch: Gedanken zum Wahlspruch der Mainzer Burschenschaft
Saravia - Ein Interview mit der Burschenschaftlichen Gemeinschaft
- Dietrich Mahn: Ein Hoch dem Bundesverfassungsgericht
Wer ist eigentlich die Deutsche Burschenschaft und wo steht sie heute?
Von Norbert Weidner (Raczeks Breslau zu Bonn, Carolina Prag zu München)
Die Deutsche Burschenschaft hat sich gewandelt: Gab es zu Beginn der 1970er Jahre noch etwa 35.000 Burschenschafter, zumeist unter dem Dach der Deutschen Burschenschaft, sind es heute etwas über 12.000 Verbandsbrüder, 4.000 Mitglieder der sogenannten NeuenDB und nochmals 2.000 Burschenschafter in anderen Zusammenschlüssen, wobei davon circa 800 auf die sechs Bünde des Süddeutschen Kartells fallen. Der Rückgang ist vor allem demographisch bedingt, was an den starken Aktivenjahrgängen in den 1950er und 1960er und den sehr schwachen Jahrgängen in den 1970er und 1980er Jahren liegt. Während die Zahl der Aktiven der Bünde der Deutschen Burschenschaft in den vergangenen Jahren konstant geblieben ist, hört man von etlichen Bünden, daß Inaktive heutzutage eine etwas längere „Verweildauer“ in den Aktivitates haben als in früheren Zeiten. Das liegt sicherlich daran, daß eine „gesicherte Lebensstellung“, wie sie bei vielen Bünden als Philistrierungsvoraussetzung gefordert wird, heute nicht mehr unmittelbar nach Erreichung des akademischen Abschlusses gegeben ist. Auch muß man bei der Zahl der Aktiven diejenigen Bünde miteinrechnen, die es während der Teilung Deutschlands nicht gegeben hat. Die Reaktivierungen und Neugründungen in Mitteldeutschland haben nicht dazu geführt, daß es ein „Mehr“ an Aktiven gibt. Ein schwacher Trost ist hierbei, daß es in den anderen Korporationsverbänden nicht anders aussieht...
Strenge Rechnung, gute Freunde...
Von Gerhard Schlüsselberger (Olympia Wien)
So ereignisreich und auch ruhmvoll die Vergangenheit der Burschenschaft sein mag; hier und heute wird die Rede von ihrer Gegenwart und Zukunft sein. Eingebettet in den Deutschen Kulturkreis kann sie allerdings nicht allein für sich betrachtet werden, sondern muß der Blick über den Tellerrand hinaus wandern. Was man dort zu sehen bekommt, ist jedoch – gelinde gesagt – überraschend.
Obwohl sich in den letzten Jahrzehnten die Mißstände und Verfehlungen in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kunst und Kultur etc. sehr genau herauskristallisiert haben, ist die Rettung durch den ersehnten Heiland ausgeblieben. Auch das Volk selbst hat sich entgegen oft geäußerter Ankündigungen und Prognosen nicht erhoben oder gar die Herrschaft der Unfähigen und Wenigen (auch Oligarchie genannt) in flammendem Sturm beendet. Damit ist auch in nächster und naher Zukunft nicht zu rechnen...
Wer ist das Volk?
Von Jörg Haverkamp II (Saxo-Silesia Freiburg)
Burschenschafter kann nur werden, wer bereit ist, dem deutschen Vaterland nützlich zu sein, sich für das Wohl der Nation und des Volkes einzusetzen. „Die Hereinnahme des Wortes Vaterland in den Wahlspruch der Deutschen Burschenschaft ist nicht nur ein gesinnungsmäßiges Bekenntnis zu einer gegebenen Tatsache, sondern ist der Ausdruck einer Verpflichtung.“
Diese Verpflichtung zu erfüllen, kann und sollte von einem Angehörigen einer anderen Nation nicht verlangt werden, die Interessenkollision wäre vorprogrammiert. Niemand kann zwei Herren dienen, wenn die Nationalität Teil der persönlichen Identität ist und damit weit mehr als die Übernahme von Bürgerpflichten und -rechten in einem Staat. Ebenfalls unstrittig dürfte sein, daß die Staatsbürgerschaft allein kein taugliches Mittel ist, auf dessen Grundlage wir die Erfüllung der Verpflichtung auf das Wohl des Vaterlandes abstellen können. Einen Staat, in dem alle Deutschen alleine für sich zusammenleben, gab es nie und wird es voraussichtlich auch nie geben. Ob seine Errichtung überhaupt ein wünschenswertes Ziel ist, soll hier nicht diskutiert werden.
„Zu sagen „Ich bin Franzose“ oder „Ich bin Deutscher“ besagt noch nichts, solange man nicht substantiell definiert hat, was es ist oder bedeutet, Franzose oder Deutscher zu sein“, bemerkt Alain de Benoist, „Die Identität ist kein statischer Begriff, sondern eine dynamische Wirklichkeit.“ Diese Aussage beschreibt auch die Schwierigkeit unserer Diskussion, wenn Begriffsinhalte und -umfänge von den Verwendern vermeintlich klarer Worte wie „Vaterland“ und „Volk“ unterschiedlich verstanden werden...
Oh alte Burschenherrlichkeit
Von Dr. Stefan Stein (Germania Hamburg, Germania Halle zu Mainz)
Vielfach haben wir ihn besungen, den einst blanken Hieber in der Rechten. Es gab Zeiten, da wurde seine scharfe Klinge und die jungen Akademiker, die ihn elegant und selbstbewusst führten, vom politischen Gegner gefürchtet. Wehrhaftigkeit ganzer Generationen repräsentierte er. Heute hängt er verstaubt und nicht mehr wahrgenommen, nutzlos an der Wand. Nur der braune Rost nimmt sich seiner noch an.
Wer die waffenstudentische Geschichte soziologisch betrachtet, wird schnell feststellen, daß sich insbesondere Burschenschaften per se weder zum Ausbilden von Massenphänomen noch zur Partei und Verbandsdisziplin
eignen. Viel zu individuell, teils verschroben und in kein Raster passend, sind ihre Einzelmitglieder. Schon Urburschenschaft, 1848er Revolution und Paulskirche zeigten ein weltanschauliches Stimmengewirr von politischen Träumern und Idealisten. Die späteren Begeisterungswellen nationaler Euphorie im Kaiserreich und zu Beginn des Dritten Reiches rissen dann auch die Verbindungen mit sich und schwemmten eine große Anzahl von jungen Akademikern in die Verbindungsburgen. Dabei wurden vielfach, blind vor nationaler Begeisterung, die viel wichtigeren burschenschaftlichen Ideale der individuellen Freiheit und der (radikalen) Demokratie sträflich vernachlässigt.
Auch nach dem Kriege dominierte angesichts der deutschen Teilung und dem Verlust großer Staatsgebiete der nationale Identifikationsgedanke erneut das Streben nach Freiheit und Demokratie.
Wurden die urburschenschaftlichen Visionen von Freiheit und Demokratie zu Kaisers und „Führers“ Zeiten quasi als Kollateralschaden der nationalen Begeisterung geopfert, so wurden diese Ideale in den unseligen 1968er Jahren aus Angst vor der revolutionären Kraft der Linken erneut im Stich gelassen. Die Verbindungsstudenten waren nicht einmal im Ansatz in der Lage, der Agitation von Links Paroli zu bieten. Während die staatszerstörenden Kräfte der Linksfront seit nun vierzig Jahren systematisch und konsequent zielorientiert die wertkonservativen Grundfesten der res publica unterminieren, führt die deutsche Burschenschaft in geschlossenen Zirkeln der Burschentage gespenstische Scheingefechte und reibt sich in beschämenden Geschäftsdebatten auf...
Gedanken zum Wahlspruch der Mainzer Burschenschaft Saravia
Von Hans Ohnacker, Hans-Oskar Roth, Dieter Schlosser und Edgar Sirch (Saravia Mainz)
Der Begriff Freiheit wird in verschiedenen Zusammenhängen und Ausprägungen in sieben Artikeln der Grundrechte des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland (GG) dargelegt: Die allgemeine Handlungsfreiheit, Freiheit der Person in Artikel 2, die Glaubens- , Gewissens- und Bekenntnisfreiheit in Artikel 4, die Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit; die Freiheit von Kunst und Wissenschaft in Artikel 5, die Versammlungsfreiheit in Artikel 8, die Vereinigungs- und Koalitionsfreiheit in Artikel 9, die Freizügigkeit und die Berufsfreiheit in den Artikeln 11 und 12. Die im Zeitalter der Globalisierung viel zitierte Freiheit der Wirtschaft ist im Grundgesetz nicht direkt erwähnt; lediglich in Artikel 14 findet sich der Hinweis, daß „Eigentum verpflichtet“ und daß „sein Gebrauch zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll.“
Die Wirtschaft und das Streben nach Gewinn sind kein Selbstzweck; das heißt, unternehmerische Ziele müssen sich auch an den Mitarbeitern, an der Umwelt und an der Verantwortung für die Gesellschaft orientieren. Zitat Kardinal Karl
Lehmann: „Das individuelle Streben nach Existenzsicherung, Wohlstand und Anerkennung ist nicht möglich ohne Wettbewerb. Dieser fördert Innovationen, weil sich auch der Erfolgreiche nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen kann. Ein solches Selbstinteresse darf nicht einfach mit einer verwerflichen egoistischen Selbstliebe identifiziert werden. Selbstinteresse und Gemeinsinn verschränken sich miteinander und sind beide Grundelemente des menschlichen Verhaltens.“ Und: „Eine Rückbesinnung auf ganz einfache Begriffe wie Anstand, Würde und Mäßigung täte (in der Wirtschaft) Not“ (Dr. Joachim Betz, Präsident des Deutschen Führungskräfteverbands)...
Ein Interview mit der Burschenschaftlichen Gemeinschaft
Mit dem ehemaligen Sprecher der Burschenschaftlichen Gemeinschaft O. Trapper (Theassalia Prag zu Bayreuth)
BBl: Verbandsbruder Trapper, die Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG) existiert seit nunmehr fast 50 Jahren, einem Viertel der burschenschaftlichen Bewegung. In dieser Zeit hat sich ein Quasi-Mythos herausgebildet, der der BG zwar einerseits eine starke Geschlossenheit attestiert, aber ihr andererseits vorwirft, ein Dachverband im Dachverband zu sein. Wie erklären Sie sich das?
O. Trapper: Zuerst möchte ich klarstellen, daß sich die BG nicht als Dachverband innerhalb des Dachverbandes sieht. Wir sind eine Arbeitsgemeinschaft, die auf gemeinsamen Interessen und Idealen beruht. Wir haben uns die Einheit der burschenschaftlichen Bewegung ins Gründungsprotokoll geschrieben und halten daran bis heute fest. Nebenbei bemerkt, ist die BG nicht die einzige Arbeitsgemeinschaft in der Deutschen Burschenschaft. Wenn wir im Gegensatz zu anderen, weniger großen Arbeitsgemeinschaften, oft mit einer Stimme sprechen, liegt das auch an den gerade erwähnten gemeinsamen Idealen. Lassen Sie mich das an einem Beispiel ausführen. Trotz der Tatsache, daß die BG weder über eine Satzung noch eine Geschäftsordnung verfügt, gibt es auf Sitzungen keine Verfahrensstreitigkeiten. Auf Grund der gemeinsamen Ideen innerhalb der BG muß eben nicht alles ausdiskutiert werden, weil vieles noch selbstverständlich ist. Dadurch entsteht eine Geschlossenheit, die auch nach außen wirkt. Ein Zustand, von dem wir uns innerhalb der Deutschen Burschenschaft leider entfernt haben. Deshalb ist die Besinnung auf Gemeinsamkeiten und gemeinsame Grundsätze wichtiger denn je. Sie muß allerdings auch von allen Seiten ausgehen.
BBl: An der Verbandsbasis hört man regelmäßig den Vorwurf, daß die BG innerhalb des Verbandes dominierend sei. Was entgegnen Sie diesem Vorwurf?
O. Trapper: Es ist bedauerlich, daß es diesen Vorwurf im Verband noch gelegentlich zu hören gibt. Das zeigt nur, daß die betreffenden Gerüchtestreuer den Verband nicht wirklich kennen. Wenn man alleine die vergangenen acht Jahre betrachtet, muß man sich fragen, wo denn diese Dominanz liegen soll! In diesen acht Jahren gab es eine einzige BG-Burschenschaft, die Vorsitzende Burschenschaft der Deutschen Burschenschaft war (Brixia Innsbruck 2006/2007). Und hat die Vorsitzende nicht die politische Richtlinienkompetenz des Verbandes inne? Auch wenn man sich die Verantwortlichen im Verband anschaut, stellt man fest, daß sich darunter zwar zahlreiche Angehörige von BG Bünden befinden, aber genauso viele Verbandsbrüder aus anderen Strömungen...
Ein Hoch dem Bundesverfassungsgericht
Dr. Dietrich Mahn (Frankonia Bonn)
Dieser Beitrag aus aktuellem Anlaß, nämlich der Verkündung des Urteils des Bundesverfassungsgerichtes zum Vertrag von Lissabon (EUV-Lis) und den beiden deutschen Begleitgesetzen vom 30. Juni 20091 kann nicht das Urteil und erst recht nicht das ihm zugrunde liegende Vertragswerk von Lissabon (EUV-Lis sowie Vertrag über die Arbeitsweise der EU (AEUV)) darstellen. Dies bestärkt die Auffassung, daß von einer Entscheidung des Volkes – wie verschiedentlich
verlangt – zu Recht abgesehen worden ist, weil die Voraussetzungen für eine Verfassungsgebung nicht vorlagen und weil das Volk von dem komplexen Vertragswerk überfordert worden wäre. „So schreibt doch, daß es das Volk
versteht“, ist nicht hilfreich, denn oft und auch hier ergibt sich die Kompliziertheit der Darstellung aus der Sache selbst, hier aus der Vielschichtigkeit der Regelungen von Rechtsetzung, Verwaltung und Rechtsprechung einer föderalen Staatengemeinschaft mit ihren Organen und das Verhältnis der Gemeinschaft zu seinen 27 Mitgliedstaaten. Auch aus Platzgründen soll es hier nur um die Einwendungen und Befürchtungen gehen, die aus unseren Kreisen und zuletzt auf dem Burschentag in Eisenach im Juni zu hören waren...

