Heftarchiv der Burschenschaftlichen Blätter
Burschenschaftliche Blätter, Ausgabe 2/2008
Schwerpunktthema: Parallelgesellschaften oder deutsche Leitkultur?
- Werner Mäder: Multikulturelle Gesellschaft?
- Rainer Glagow: Dialog mit dem Islam
- Recep Tayyip Erdogan: Aus seiner Rede in Köln
- Hans-Peter Uhl: Zwischen Abwehr und Einbeziehung
- Abschied von Multikulti
- Michael Schmidt: Verbandstagung der DB in Berlin
- Norbert Weidner: Stigmatisierung von Burschenschaftern
- Harald Lönnecker: Leipziger Korporationen
Multikulturelle Gesellschaft?
von Werner Mäder (Rhenania-Salingia Düsseldorf)
Das Gedankending „multikulturelle Gesellschaft“ ist eine Erfindung von Ideologen. 1 Es hat keinen politischen Inhalt, ist vielmehr antipolitisch. Soweit es auf einen realen Tatbestand Bezug nimmt, ist in Wahrheit die Propagierung und Förderung eines multi-ethnischen Beisammenseins auf einem bestimmten Territorium gemeint. Soweit das Beisammensein auf dem Gebiet eines Staates erfaßt werden soll, führt die Stoßrichtung auf eine gesichtslose, unterschiedslose Massengesellschaft. 2 Einerseits läßt sich die „multikulturelle Gesellschaft“ in ihrem eigenen Gedankennebel weder auf einen Begriff bringen noch in rechtswissenschaftliche Bahnen lenken. Dennoch kann sie, soweit sie Substanz durch einzelne Maßnahmen gewinnt, an der Verfassung eines politischen Gemeinwesens ge- und vermessen werden.
Dialog mit dem Islam
von Rainer Glagow (Frankonia Bonn)
Vor vierzig Jahren begann die Anwerbung von „Gastarbeitern“ aus der Türkei. Damals sah niemand voraus, daß sich auf Dauer eine islamische Gemeinschaft (gegenwärtig drei Millionen Gläubige) in der Bundesrepublik etablieren würde. Damals war nicht zu erwarten, daß die deutsche Geburtenrate zur demographischen Katastrophe würde. Damals wäre man auf Unglauben gestoßen, wenn man vorausgesagt hätte, daß zu Beginn des 21. Jh. bis zu 60 % der Neugeborenen in Großstädten und Ballungsräumen nichtdeutscher Herkunft sein würden. Damals hätte auch niemand für möglich gehalten, daß die Bevölkerung Deutschlands gegen Mitte des 21. Jh. zur Hälfte aus Zuwanderern, viele von ihnen aus dem Orient, bestehen würde. Heute stellen die Deutschen verwundert fest, daß die Zuwanderung aus der Welt des Islam ganz andere Schwierigkeiten heraufbeschwört als in früheren Zeiten die Aufnahme der verfolgten Salzburger und Hugenotten in Preußen oder die Integration polnischer Arbeiter in den Industriegebieten. Diese Zuwanderer wurden schon in der zweiten Generation zu bewußten Deutschen, denn es gab einen entscheidenden Unterschied zur heutigen Einwanderung aus dem Orient: Sie stammten aus dem abendländisch-christlichen Kulturraum. Folglich ist es nicht verwunderlich, daß die Zuwanderer aus der Europäischen Union oder aus nichtmuslimischen Ländern weit weniger Probleme verursachen als die Migranten aus dem islamischen Orient.
Zwischen Abwehr und Einbeziehung
von Hans-Peter Uhl (Arminia-Rhenania München)
Der Islam ist faktisch ein Teil Deutschlands geworden. Etwa 3,4 Millionen Muslime leben hier, etwa 2,5 Millionen stammen aus der Türkei. Etwa eine Million Muslime hat bereits die deutsche Staatsangehörigkeit. Über die Fertilität dieser Gruppe gibt es keine gesonderten Erkenntnisse. Nach Zählung des Statistischen Bundesamts hat heute jedoch schon jedes dritte Kind zwischen 0 und 5 Jahren – unabhängig von der Staatsbürgerschaft – einen „Migrationshintergrund im weiteren Sinn“. Schon daraus geht hervor, daß die Bewältigung der massiven Integrationsprobleme, die gerade bei muslimischen Zuwanderern offensichtlich sind, kein Selbstläufer ist. Im Gegenteil: Die verfehlte Zuwanderungspolitik der letzten Jahrzehnte muß korrigiert, versäumte Integration nachgeholt werden. Doch diejenigen, die zur fahrlässig-falschen Politik beigetragen haben, sind längst nicht alle zur Besinung gekommen: Von der Linken, die alles Ausländische als Bereicherung preist, über allerlei Gutmenschen in Kirchen, Gewerkschaften und Medien bis hin zu Industrieverbänden, die lieber nach ausländischen Beschäftigten rufen als in Aus- und Weiterbildung zu investieren. Ich will im folgenden umreißen, wie ich die Herausforderung einschätze im Umgang mit den Muslimen, die schon da sind und bei uns bleiben werden. Um deren Integration zu verbessern, bedarf es eines Neuansatzes nach dem Prinzip des „Fordern und Fördern“: Die Politik muß klare Anforderungen formulieren und auch durchsetzen. Auf der anderen Seite ergibt sich aus dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland die Verpflichtung, die rechtmäßig hier lebenden Zuwanderer auf der Basis einer wertgebundenen, religiösweltanschaulich neutralen Ordnung zu integrieren. Dies erfordert auch von der Mehrheitsgesellschaft einen differenzierenden Blick auf Muslime. Die Deutsche Islamkonferenz ist der Einstieg in die jahrelang verschleppte Orientierung in diesem komplizierten Verhältnis.
Abschied von Multikulti
Inländerfeindlichkeit und gescheiterte Multikulti-Illusionen– Schlüsselwerk des Politikwissenschaftlers Stefan Luft zeigt realistische Wege aus der Integrationskrise
„Weder aus Frankreich noch aus England, noch aus Deutschland dürfen Sie Einwanderungsländer machen,“ hob einst der Alt- Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Schmidt, in seinem berühmten Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ warnend hervor (Ausgabe vom 12. September 1992) und fuhr dann fort: „Das ertragen diese Gesellschaften nicht. Dann entartet die Gesellschaft . . .“ Ja, er sagte ganz politisch unkorrekt: „entartet“. Staatsmann Schmidt sprach so zu einem Zeitpunkt, als die Herausbildung von Parallelgesellschaften in Westdeutschland längst entwickelt war und die sich daraus ergebenden Konflikte deutlich für jene erkennbar waren, die sie sehen wollten. Sie heute weiterhin zu ignorieren, ist schier unmöglich geworden: denn die Debatten um Integration, Zuwanderung und die Rolle des Islam bestimmen die Tagesordnungen fast aller politischen Erörterungen. Selbst einige der früher eingefleischten Mulitikulti-Schwärmer, die mit pseudointellektueller Überheblichkeit Parolen verkündeten wie „Vielfalt statt Einfalt!“, sind nachdenklicher geworden. Die Gewaltexzesse an der Berliner „Rütli-Schule“ und der gefilmte Überfall auf einen Münchener Rentner, der mit dem Schlachtruf „Scheißdeutscher“ durch ausländische Jugendliche fast zu Tode geprügelt wurde, stellen – gewissermaßen – Symbolereignisse der gesellschaftlichen Wahrnehmung einer grundlegenden Gesellschaftsproblematik dar, die uns alle betrifft. Da legt zu später Stunde – vielleicht aber gerade noch rechtzeitig – der in Bremen lehrende Historiker und Politikwissenschaftler Stefan Luft, Jahrgang 1961, das Buch „Abschied von Multikulti – Wege aus der Integrationskrise“ vor, eine Art Pflichtlektüre (nicht nur) für Burschenschafter.
Verbandstagung der DB in Berlin
von Michael Schmidt (Hilaritas Stuttgart 1993)
Bereits an den zahlreichen Anmeldungen war abzusehen, daß die diesjährige Großveranstaltung der Deutschen Burschenschaft in Berlin gut besucht werden würde und in den Mitgliedsvereinigungen auf großes Interesse stößt. So fanden für die Tagung an sich ca. 170 Verbandsbrüder den Weg in das Logenhaus in Berlin- Wilmersdorf, der Kommers war mit ca. 250 Verbandsbrüdern und Gästen bis auf den letzten Platz besetzt – daraus resultierende Engpässe in der Getränkeversorgung am Kommers waren die hinzunehmende Konsequenz. Ob es nun die Anziehungskraft der Hauptstadt war, oder ob die Tagung mit einem eher ungewöhnlichen Programm so viele Verbandsbrüder nach Berlin zog, die Teilnahme war jedenfalls in Anwesenheit und Mitarbeit bzw. Aufmerksamkeit in weiten Strecken sehr erfreulich.
Stigmatisierung von Burschenschaftern
von Norbert Weidner als Pressereferent der DB (Raczeks Breslau und Carolina Prag)
Auch in den vergangenen Monaten gab es wieder zwei Vorfälle, die zum Teil bundesweite Medienberichte nach sich zogen und bei denen Burschenschafter politisch und sozial einer öffentlichen Stigmatisierung anheim fielen. In beiden Fällen wurde die Mitgliedschaft in Bünden der Deutschen Burschenschaft für die Ausgrenzung und Stigmatisierung angeführt: In Leipzig mußte Verbandsbruder Michael Vogt aufgrund sogenannter „antifaschistischer“ Proteste seinen Posten als Professor für Kommunikationswissenschaften der Universität Leipzig räumen und in Bonn grenzte der Ring Christlich- Demokratischer Studenten wieder einmal vorauseilend und völlig ohne politischen Druck ein Mitglied aus, das Burschenschafter ist.
Leipziger Korporationen
von Harald Lönnecker (Normannia Leipzig zu Marburg)
Reichsverfassungen von 1848/49 und 1919 und selbst noch ins Grundgesetz einflossen – bis hin zur schwarz-rot-goldenen Bundesflagge immerhin aber so prägend, daß jeder Student mit Band und Mütze – die auch erst nach 1810 entstanden – bis in die Gegenwart dem Unkundigen ein „Burschenschaftler“ ist. Sodann verbringen die Verbindungen ihre Zeit mit „Schlägereien und Saufereien“. Die etwa 1750 beginnende studentische Reformbewegung mit ihrer freudigen Begrüßung der französischen Revolution wird nicht zur Kenntnis genommen, vielmehr das Zeitalter des Pennalismus, das 17. und frühe 18. Jahrhundert fortgeschrieben. Schließlich finde sich der Adel nicht in den Verbindungen. Das ist schlicht falsch. Neben zahlreichem niederen Adel findet sich auch der hohe, bei den Leipziger Corps Saxonia, Misnia, Thuringia und Lusatia, seit der Zeit um 1800 etwa Grafen Schulenburg aller Linien oder der bessarabische Anastasius Fürst von Baschotta. Mitglieder der 1818 gegründeten Leipziger Burschenschaft waren die Fürsten Karl und Edmund Schwarzenberg, Franz Graf Colloredo- Mansfeld oder Albert Graf Carlowitz, der spätere sächsische Justizminister und Präsident der ersten Kammer

