Heftarchiv der Burschenschaftlichen Blätter
Eine entwurzelte Generation und ihr tragisches Wirken
von Stefan Stein
Es ist wohl das unerbittliche Auf und Ab in der Geschichte von Völkern und Kulturen, welches nun das deutsche Volk in der Migration dieser Zeiten aufgehen lassen wird. Im historischen Rückblick werden es dann möglicherweise die sog. 68er gewesen sein, welche nach der Tragödie des Dritten Reiches dem deutschen Staatsvolk den Gnadenstoß gegeben haben werden. Die Achtundsechziger als homogene politische Bewegung zu fassen greift zu kurz. Vielmehr sollte dieser Begriff zur Beschreibung einer im folgenden näher erläuterten Geisteshaltung, Weltschau und Lebensgestaltung dienen, welche grundsätzlich den Ausstieg aus der deutschen Geschichte zum Ziel hatte und hat. Dabei reicht das Spektrum der Motivation vom ungezügelten Hedonismus bis hin zum Selbsthaß.
Das geschönte Bild der 68er
Mythos und Wirklichkeit der studentischen Revolution
von George Turner
Für viele ist es ein Mythos. Was nicht alles den sogenannten 68-ern zu verdanken sei. Beteiligte bekommen leuchtende Augen, wenn sie sich an eigene oder fremde Heldentaten erinnern. Betroffene sehen das weniger begeistert. Für manche sind die 68-er an allem schuld. Wie aber sieht eine nüchterne Bilanz aus? Als 68-er bezeichnet man Personen, die sich mit den Zielen und Vorgehensweisen der vor allem im Jahr 1968 aktiven Studenten identifizieren oder selbst dazu gehörten. In den 60er Jahren entwickelte sich eine Außerparlamentarische Opposition, kurz APO genannt. Dies war im Grunde eine antiparlamentarische Bewegung, die ihre maßgeblichen Kräfte im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) besaß, von dem sich die SPD bereits 1961 getrennt hatte. Den Höhepunkt erreichte die Bewegung im Jahr 1968. Man versuchte, die Universitäten zu Ausgangsstätten für die erstrebte Revolution umzufunktionieren. Wegen der aktuellen Probleme, die zunächst ins Visier genommen wurden, kam es zu Solidarisierungen von einer großen Zahl Studierender. Es ging dabei zunächst um die Verbesserung der Studienbedingungen. Dies fand den Beifall vieler Studenten. Sie beteiligten sich an Protestveranstaltungen mannigfacher Art. Die Situation steigerte sich zu Meinungsterror und Bedrohung wissenschaftlicher Freiheit. Vorlesungsstörungen, die Androhung und auch die Verwirklichung von Gewalt gegen Sachen und Personen waren keine Einzelerscheinungen. Das Bild von den Studenten änderte sich radikal. Veränderte Lebensgewohnheiten (demonstrative Geringschätzung konventioneller Formen, Wohngemeinschaften in Form von Kommunen, Rücksichtslosigkeit gegenüber Vertragspartnern wie zum Beispiel Vermietern, Vernachlässigung von Äußerlichkeiten in Kleidung und Frisur) machten den linken Studenten für weite Bevölkerungskreise zu einem Bürgerschreck.
1968 - Studentenrevolte oder mehr?
von Hans-Helmuth Knütter
Heute werden die Achtundsechziger und ihr Tun und Lassen meist kritisch, als APO-Opas, als abtretende, von der Zeit überholte Gestalten, als Gescheiterte, betrachtet. Sie gelten als Krawallmacher, als Bürgerschreck, zum Teil auch als Kriminelle, als Terroristen der Roten Brigaden in Italien, der Roten Armee-Fraktion in Deutschland, der Weathermen in den USA. Selten wird nach dem Warum? ihres Tuns und ihrer Wirkung gefragt, noch seltener, ob sie nur eine begrenzte Wirkung oder auch zukunftweisende Erfolge hatten.
Achtundsechzig verweht - Ein Rückblick auf eine gewesene Bewegung
von Rolf Stolz
Allen Bewegungen, seien sie nun offen religiös oder offiziell politisch oder kulturrevolutionär ausgerichtet, ist manches gemeinsam und zwar mehr, als den blinden Gläubigen und den sehunwilligen Apologeten lieb ist. Nur relativ wenig ist jeweils als ein historisch einmaliges Spezifikum zu veranschlagen, als ein Phänotyp, der neu unter der Sonne ist und nicht wiederkehren wird. In der Tat, ob man es goutiert oder nicht, zeigen sich deutliche Übereinstimmungen in Strukturen und Leitmotiven, wenn man etwa äußerlich so verschiedene Bewegungen wie die romantische Kulturbewegung um 1800, die faschistischen Bewegungen der zwanziger Jahre, die achtundsechziger Bewegung und die heutigen islamistischen Basisbewegungen und Netzwerke miteinander vergleicht. Dieses Vergleichen des Unvergleichbaren offenbart zwar, daß sich nichts in der Geschichte wiederholt und es strenggenommen keine Parallelen gibt (keinen zweiten Hölderlin und keinen zweiten Hitler), daß die konkreten Konstellationen und die Details der Prozesse sich stets unterscheiden, daß aber doch von den gleichen Grundformen aus eine vielfach abgewandelte Legierung durch das große Feuer geschickt wird und daß, wenn auch das Endprodukt stets so verschiedenartig ausfällt wie Silvesterblei, einige elementare Muster immer wieder durchscheinen. Zu diesen gehört es, daß niemand in der Beginner-Generation einer historischen Bewegung weiß, wie diese enden wird und welche Folgen sie zeitigen wird, ja daß die allermeisten nicht einmal ahnen, was sie lostreten und mitverantworten.
Hat die deutsche Nation noch Zukunft?
von Rainer Glagow
Bereits vor Jahren hat das internationale McKinsey-Unternehmen festgestellt, Deutschland blieben nur noch wenige Jahre Zeit, um die zur Sicherung seiner Zukunft notwendigen Reformen durchzuführen, sonst werde das Land unrettbar in Armut und Bedeutungslosigkeit versinken. Aber werden einige wenige, von den Parteien mühsam ausgehandelte und den gesellschaftlichen Interessengruppen abgerungene Reformen genügen, um aus dem kranken Mann an Spree, Rhein und Oder wieder ein dynamisches, optimistisches und zukunftsfähiges Land zu machen? Treibt die deutsche Demokratie nicht immer mehr der Gefahr zu, sich total zum Schlechteren zu verändern?
Späte Frucht der frühen Jahre
Wegbereiter der 68-er in der evangelischen Kirche
von Klaus Motschmann
Helmut Gollwitzer, einer der maßgebenden Wegbereiter und Wegbegleiter der 68-er, hat in einem Rückblick auf die Entwicklung der sogenannten Studentenbewegung festgestellt, daß sie auf keinen anderen Teil der Bevölkerung so nachhaltig gewirkt (habe) wie auf die jüngere Generation der evangelischen Christen. Dieser Feststellung ist vollauf zuzustimmen. Sie ist allerdings ergänzungs- und interpretationsbedürftig, und zwar durch den Hinweis, daß sie auch von keinem anderen Teil der Gesellschaft so nachhaltige Impulse, ideelle und materielle Unterstützung sowie Rechtfertigung gefunden hat wie von maßgebenden Persönlichkeiten und Kreisen der evangelischen Kirche bis heute!
Dutschke als nationaler Demokrat und Nationalrevolutionär
von Bernd Rabehl
Prof. Dr. Bernd Rabehl war einer der wichtigsten Wortführer des SDS und ein enger Gefährte von Rudi Dutschke. Bis zu seiner Emeritierung lehrte er am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin und war beim Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität beschäftigt. In seinem Aufsatz berichtet er über nationale Manöver der Großmächte nach 1945, den Revolutionärer Aufbruch und die nationale Selbstbehauptung.
Die starken, mobilen Leute von heute [...] werden
die armen, einsamen Schweine der Zukunft sein!
Der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen (B. Saravia Berlin),
im Gespräch mit Thorsten Elsholtz (B. Gothia Berlin)
Diepgen: Ich bin wegen der Tradition von 1817 nicht 1870 Burschenschafter geworden. Politisch muß die Deutsche Burschenschaft sich dennoch vermehrt aktuellen Themen zuwenden. Ich habe zudem Zweifel, ob die Mensur trotz der unbestrittenen Anziehungskraft des Besonderen gesellschaftspolitisch noch vertretbar ist. Die Bünde müßten statt dessen viel stärker die Veränderungen an den Hochschulen in das eigene Leben aufnehmen. Ein junger Student muß heute mehrere Semester im Ausland verbringen, wenn er erfolgreich sein will. Das belastet das traditionelle Bundesleben. Darum muß sich die Deutsche Burschenschaft diesen Gegebenheiten anpassen und eine hochschulübergreifende, internationale Vernetzung anstreben. Wir müssen davon weg, uns ausschließlich am Hochschulort zu orientieren und somit die Form der Gemeinschaft überdenken. Dann wird die Deutsche Burschenschaft auch die 68-er überleben.
Dem Freund das Herz, dem Feind die Stirn!
Die Geschichte der Innsbrucker Burschenschaft Brixia
von Gerald Waitz
Gegründet wurde die Brixia am 10.11.1876 als Tischgesellschaft von zehn Innsbrucker Studenten. Eines war den Gründungsvätern gemeinsam: Sie hatten ihre Reifeprüfung am Staatsgymnasium der alten Bischofsstadt Brixen von der sie auch den Namen ihrer Akademikergesellschaft ableiteten abgelegt. Dort waren sie von den gestrengen Augustiner- Chorherren zu vorzüglichen Chorsängern ausgebildet worden, was die jungen Brixen veranlaßte, als Korporation dem akademischen Gesangverein beizutreten. Bereits zu dieser Zeit formulierte AH Hans Leitner die Richtlinien für seinen Bund mit dem Ausruf Dem Freund das Herz, dem Feind die Stirn!, der sich durch die Jahrzehnte voll bewegter Geschichte zum unbeugsamen Wahlspruch der Brixia aufschwingen und ihre Mitglieder auch in den schwersten Stunden zur immertreuen Verbundenheit geleiten sollte.
Repetita non placent!
SPD und studentische Korporationen
von Helge Kleifeld
Am 27. März 2006 haben der SPD-Parteivorstand und das Präsidium in einer gemeinsamen Sitzung einstimmig beschlossen, eine Mitgliedschaft in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) mit einer Mitgliedschaft in der SPD für unvereinbar zu erklären.1 Die BG ist ein Zusammenschluß innerhalb der Deutschen Burschenschaft (DB) von derzeit 42 Burschenschaften, gut die Hälfte davon im Bundesgebiet, der Rest in Österreich, der vor allem verbandspolitische Ziele verfolgt und nach außen selten in Erscheinung tritt [...] Dem Außenstehenden könnte dieses Verbot, das zunächst nur einen Teil einer gesellschaftlichen Randgruppe ohne bedeutenden politischen Einfluß, nämlich der DB, betrifft, gleichgültig sein! Aus zwei Gründen wäre eine Nichtbeachtung des Verbotes jedoch nachlässig.
175 Jahre Universität Hannover
von Alexander Bajumi
Am Sonnabend, 6. Mai 2006, war es endlich soweit: Nach einjähriger Vorbereitungszeit begingen Hannovers Korporationen gemeinsam einen Festkommers zum 175. Jubiläum unserer Alma Mater. Der Kuppelsaal des Congress Centrums Hannover war mit 550 Gästen gut besetzt, als der Einzug der 41 Chargierten erfolgte. Die Kommersleitung übernahm das Corps Slesvico-Holsatia. Zu Beginn begrüßte ich im Namen der 20 in der Arbeitsgemeinschaft Festkommers 175 Jahre Universität Hannover organisierten Korporationen die Corona und forderte diese zu einer verstärkten interkorporativen Zusammenarbeit auf, auch gegen gesellschaftlichen Widerstand. Im weiteren folgte die Festrede des Präsidenten des Niedersächsischen Landtages, Jürgen Gansäuer (CDU), zum Thema Die Universität Hannover in der Wellenbewegung der Zeit.
Ferdinand Lassalle - Ein Grabbesuch in Breslau
von Norbert Weidner
Ferdinand Lassal, oder wie er sich seit 1846 durch den Kontakt zu französischen Kommunisten nannte: Ferdinand Lassalle, ist auch heute, über 140 Jahre nach seinem Tod, durch ein Duell mit einem rumänischen Corpsstudenten in Genf, nicht aus dem politischen Leben wegzudenken. Die Duell-Pistolen werden übrigens gut gepflegt: im Archiv der Komintern in Moskau, mehrere Etagen unter der Erde und atombombensicher. In einer der letzten Reden Gerhard Schröders, als Bundeskanzler, wurde Lassalle noch ausgiebig erwähnt und selbst im korporativen Kontext mußte Lassalles Name für den Arbeitskreis sozialdemokratischer Korporierter Lassalle-Kreis herhalten. Zumindest letzterer bezog sich vor allem auf den sozialrevolutionären Burschenschafter Lassalle. Allerdings ist es fraglich, ob sich Ferdinand Lassalle bei der heutigen sozialdemokratischen Politik noch der Sozialdemokratie zugehörig fühlen würde, denn immerhin sympathisierte er mit Bismarcks Haltung zur Lösung der deutschen Frage. Heute wäre das vermutlich schon verfassungsfeindlich [...] Sollten die Vorwürfe der Jungsozialisten stimmen, müßte es den Burschenschaften ja geradezu peinlich sein, daß sie solche Mitglieder wie Lassalle gehabt haben. Daß dies nicht der Fall ist, muß an dieser Stelle nicht betont werden. Die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks hat Lassalle stets als ihren Bundesbruder geachtet [...] Entsprechend ging es für vier Raczeks in der Woche vom 14. bis 17. August nach Breslau zur Grabpflege.
Geopolitisches Denken ist unverzichtbar!:
Burschenschaftlicher Abend der Stuttgarter Burschenschaften
von Alfred Engelke
Am 28. Juni 2006 referierte vor den Stuttgarter Burschenschaften der Geopolitiker Dr. Heinz Brill zum Thema Der Streit um Deutschlands Rolle in der Europaund Weltpolitik. Herr Brill ist auf dem Gebiet der geopolitischen Grundlagenund Projektforschung seit Jahrzehnten ein ausgewiesener Fachmann, dem eine Vordenkerrolle bei der Revitalisierung geopolitischen Denkens im deutschen Sprachraum zukommt. Er war unter anderem als Stabsoffizier Wissenschaftlicher Direktor im Zentralen Forschungs- und Studienbereich des Amtes für Studien und Übungen der Bundeswehr sowie Lehrbeauftragter für Internationale Beziehungen an den Universitäten Göttingen, Köln und Würzburg.

