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Heftarchiv der Burschenschaftlichen Blätter

BBL 4/2005

 

Burschenschaftliche Blätter, Ausgabe 4/2005
Schwerpunktthema: Europäische Union und Türkei?


• Der Bau Europas - Ergebnisoffenheit von Beitragsverhandlungen
• Türkische Erneuerung Europas oder Niedergang des Kontinents
• Türkei und Menschenrechte
• Der Islam in der Türkei
• Schicksalsfrage der EU
• Türkische Erneuerung Europas oder Niedergang des Kontinents
• Die 68er und ihre Gegner
• Korporierte und SPD
• Burschenschafter im neuen Bundestag
• und weitere Aufsätze

Der Bau Europas?
Für Ergebnisoffenheit von Beitragsverhandlungen der EU mit der Türkei

von Josef Schmid
"Entweder weist Europa die Türkei ab und verdirbt sich's mit ihr oder Europa nimmt sie auf und geht dabei selbst zugrunde", sagte vor kurzem ein wertkonservativer französischer Abgeordneter. Die Aufnahme der Türkei in die EU symbolisiere die Selbstvergessenheit Europas; denn wie sagte schon Paul Valéry: "Europa ist jenes Stück Erde, das romanisiert und christianisiert wurde und der Geistesdisziplin der Griechen treu geblieben ist."


"Verblendetes Harakiri"
Der EU-Beitritt der Türkei käme aus ökonomischen und
kulturellen Gründen einem europäischen Selbstmord gleich

von Klaus Hornung
Am 3. Oktober 2005 begannen offiziell die Verhandlungen über den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union. Entgegen dem erklärten Willen der Mehrheit der europäischen Bevölkerung hat der Rat der Staats- und Regierungschefs der EU diese Entscheidung getroffen. Um die Europäer einzulullen, wird von einer Verhandlungsdauer von mindestens 15 Jahren gesprochen. Vermutlich wird sie aber viel kürzer sein und dann die EU vor die folgenreichste Entscheidung ihrer Geschichte stellen. Allerdings wächst der Widerstand in Europa stetig, wie nicht zuletzt die Ablehnung der Europäischen Verfassung durch die Volksentscheide in Frankreich und den Niederlanden zeigte. Werden sich die europäischen politischen und ökonomischen Kommandohöhen wie gewohnt arrogant darüber hinwegsetzen?


Der Islam in der Türkei
von Rainer Glagow (Frankonia Bonn)
In der öffentlichen Diskussion über die Europatauglichkeit des asiatisch-islamischen Großstaates Türkei spielt die religiöse und kulturelle Dimension so gut wie keine Rolle. Aus der Furcht heraus, der politischen Unkorrektheit und Islamophobie geziehen zu werden, vermeiden die meisten Entscheidungsträger das heikle Thema. Es ist aber eine Tatsache, daß Bewußtsein, Mentalität, Religion und nationale Identität Einstellung und Verhalten der Menschen bestimmen. Es muß daher gefragt werden, ob die islamische Prägung des türkischen Volkes mit den Grundlagen der europäischen Kultur vereinbar ist. Trotz aller Vermutungen, die Globalisierung werde zu einer Nivellierung nationaler und kultureller Identitäten führen, bleibt dies eine sehr entscheidende Frage. Gerade unter den Vorzeichen der transnationalen Interdependenzen beobachtet man eine Stärkung der traditionellen Werte und Ordnungen - vielleicht am wenigsten in Deutschland und Europa, immer stärker aber in der islamischen Welt.


Schicksalsfrage der EU
von Egon Bahr
Richtet man den Blick auf die geostrategischen Fragen, die während der 10- bis 15jährigen Türkei-Verhandlungen akut oder sogar zur Entscheidung dringen werden, ist zumindest höchst unwahrscheinlich, daß die EU während dieser Periode einen Urlaub zur eigenen Konsolidierung bekommen wird - den sie allerdings gut brauchen könnte, um ihre neuen Mechanismen mit 25 Kommissaren zu erproben und unnötige Reibungsverluste zu vermeiden. Sie wird sich im Gegenteil neuen Wünschen auf Mitgliedschaft gegenüber sehen.


Türkische Erneuerung Europas oder Niedergang des Kontinents
von Bernd Rabehl
Die Türkei hatte und hat - wie Rußland vor der Revolution - eine grundlegende soziale Differenz zum westlichen Europa. Rußland, das hindurchging durch Revolutionen und Bürgerkrieg, Enteignungen und Umwälzungen, durch Industrialisierung, Kollektivierung und Planwirtschaft, durch den Despotismus der stalinistischen Diktatur, durch die Militarisierung, Besetzung und totalen Krieg, brach zu Beginn der neunziger Jahre zusammen, weil die Grundlagen einer kapitalistisch verfaßten Gesellschaft durch die Experimente des "Sozialismus" verfehlt wurden. Dieser reproduzierte und aktualisierte archaische Herrschaftsformen und unterminierte die Herausbildung moderner Klassen oder das Selbstverständnis von Verantwortung, Ethik und Produktivität der Eliten oder der produktiven Unternehmer und Arbeiter. Heute wirft die Türkei für Europa die gleichen Fragen auf wie Rußland zu Beginn des 20. Jahrhunderts.


Türkei und Menschenrechte - Der Völkermord an den Armeniern und
die heutige Lage der kurdischen nationalen Minderheit

von Heinz Odermann
Die Bindung der türkischen Politik an Europa begann in ihrer vertraglichen Gestalt im Jahre 1856. Rußland benutzte die Verfolgung der Christen im Osmanischen Reich als Rechtfertigung für seine Expansion nach Südosteuropa und verlangte von der Türkei, dem Osmanischen Reich, eine privilegierte Stellung für alle Christen unter der Herrschaft des Sultans. Der im Oktober 1854 begonnene Krieg zwischen Rußland und der Türkei nahm durch das Eingreifen Großbritanniens und Frankreichs gegen Rußland europäische Dimensionen an. Im sogenannten Krimkrieg war es das Ziel Großbritanniens, Frankreichs und der Türkei, Rußland von den politischen Grenzen Europas in Ostmitteleuropa und auf dem Balkan wegzudrängen. Dieses Ziel wurde nicht erreicht. Erreicht wurde eine außenpolitische Stärkung der Türkei.


Für eine privilegierte Partnerschaft EU-Türkei
von Uwe Greve
Ein zentraler Punkt für die Ablehnung der Mitgliedschaft ist die hohe Geburtenrate in der Türkei - ca. 1 Million Menschen Geburtenüberschuß im Jahr, insbesondere durch die Geburtenfreudigkeit der türkischen Unterschichten, in erster Linie im weit rückständigen Anatolien. Die hohe Arbeitslosigkeit in der Türkei, die von der EU angestrebte Großfamilienzusammenführung, die Chance, in einem wirtlichen, erdbebenfreien Gebiet in Deutschland zu leben, nicht zuletzt die in Deutschland vorhandene Chance für die Türken, hier weitgehend türkisch zu leben, würde zu einem weiteren Zuwanderungsdruck nach Deutschland führen.


Die 68er und ihre Gegner Gegen die Kulturrevolution
Aufgabe und Rolle der "Demokratischen Rechten"
Bernd Kallina (Danubia München 1973) im Gespräch mit Stefan Winckler
Rot-Grün wurde im Herbst 2005 abgewählt. Ist damit auch der politische Einfluß der 68er-Generation am Ende? Das wäre eine zu vorschnelle Schlußfolgerung. Ich denke nicht, daß die Gedankenwelt und ihre gesellschaftspolitischen Konsequenzen der 68er ganz zu Ende sind. Man darf ja nicht vergessen, daß viele, die in der Tradition von 68 stehen, heute noch wichtige Schnittstellen in Politik, Verwaltung und vor allem in den Massenmedien besetzt halten. Sicher, die Damen und Herren sind zwischenzeitlich auch in die Jahre gekommen und in unseren Tagen anders ausgerichtet als vor fünfunddreißig Jahren, weil sich - nicht zuletzt durch ihre Einflußnahme auf Staat und Gesellschaft wirklich viel verändert hat - leider zum Negativen!


Korporierte und SPD: Kommt ein Unvereinbarkeitsbeschluß?
von Norbert Weidner (ABB! der Raczeks)
Zwischen dem 14. und 16. November tagte in Karlsruhe der SPD-Bundesparteitag, der vor allem die Absegnung des Koalitionsvertrages und die Wahl des neuen Parteivorsitzenden Platzeck zum Anlaß hatte. Zudem verhandelten die Parteitagsdelegierten über Anträge der verschiedenen Parteigliederungen. Für erhebliche Unruhe bei den deutschen Korporationsverbänden sorgte Antrag 041 des Unterbezirkes Göttingen/Bezirk Hannover mit dem Inhalt: "Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands erklärt die Mitgliedschaft in einer studentischen Burschenschaft oder in einem Corps grundsätzlich für unvereinbar mit der Mitgliedschaft in der SPD. Ausgenommen sind Burschenschaften und Corps, die nicht Mitglied einer Dachorganisation sind (Deutsche Burschenschaften, Neue Deutsche Burschenschaft, Coburger Bund, Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen und deren Unterverbindungen) und sich klar von geschichtsrevisionistischen Meinungen abgrenzen und in denen es keine Ungleichbehandlung von Mann und Frau sowie keine Diskriminierungen bestimmter Gesellschaftsgruppen (z. B. Homosexuelle, AusländerInnen, Wehrdienstverweigerern etc.) gibt." Der kuriose Antrag wurde nicht zur Abstimmung gebracht, sondern an den Parteivorstand verwiesen, da laut Satzungsstatut der SPD ein solcher Unvereinbarkeitsbeschluß nur vom Parteivorstand und dem Parteirat beschlossen werden kann. Die Initiatoren des Antrages hatten sich offensichtlich noch nicht einmal die Mühe gemacht, die mit dem Bann eines möglichen Unvereinbarkeitsbeschlusses betroffenen Korporationsverbände namentlich richtig zu schreiben. So hatten sie vermutlich auch nicht mit der Resonanz der Verbände gerechnet: In kurzen Abständen veröffentlichten die Deutsche Burschenschaft, der Coburger Convent, der Cartellverband, der Weinheimer Seniorenconvent, der Verband der Vereine Deutscher Studenten, der Schwarzburgbund sowie der Convent deutscher Akademikerverbände Pressemeldungen, in denen sie vor allem an zahlreiche Korporierte in den Reihen der SPD erinnerten. So zählte auch die Deutsche Burschenschaft namhafte Verbandsbrüder auf, die Sozialdemokraten waren oder die Sozialdemokratie entscheidend mitprägt haben. Weiterhin erwähnte sie, daß nicht zuletzt Willy Brandt 1965 der Deutschen Burschenschaft zum 150. Jubiläum gratulierte. Mit der Phalanx der deutschen Korporationsverbände und erheblicher öffentlicher Kritik konfrontiert, ruderte die SPD in den Folgetagen zurück.


Burschenschafter im neuen Bundestag
Auch im neuen Deutschen Bundestag sind mehrere Verbandsbrüder als Abgeordnete vertreten:

Dr. Hans-Peter Uhl, CSU, Jg. 1944, Oberleutnant der Reserve, drei Söhne, Jurist in der Bayerischen Finanzverwaltung, Rechtsanwalt. Neun Jahre ehrenamtlicher Stadtrat und elf Jahre berufsmäßiger Stadtrat (Kreisverwaltungsreferent) der Landeshauptstadt München. Vors. des 2. Untersuchungsausschusses, ord. Mitglied des Auswärtigen Ausschusses, stellv. Mitglied des Haushaltsauschusses. MdB seit 1998. Dr. Uhl ist Mitglied der Münchener Burschenschaft Arminia-Rhenania.

Dr. Joachim Pfeiffer, CDU, Jg. 1967, Oberleutnant der Reserve, Diplom-Kaufmann, fr. tätig in Energie-Versorgung Schwaben AG mit Projekten bei der Wasserver- und Abwasserentsorgung, Beschäftigung mit Problemen des Verkehrs- und Tarifverbunds und der Wirtschafts- und Arbeitsförderung der Landeshauptstadt Stuttgart. Ord. Mitglied des Ausschusses f. Wirtschaft und Arbeit, stellv. Mitglied des Finanzausschusses. Dr. Pfeiffer ist Mitglied der Burschenschaft Alemannia Stuttgart.

Paul Lehrieder, CSU, Jg. 1959, Grundwehrdienst, Rechtsanwalt, seit 1990 Erster Bürgermeister der Gemeinde Gaukönigshofen, seit 1996 Kreisrat, seit 2002 stellv. Landrat. Vbr. Lehrieder ist Mitglied der Burschenschaft Adelphia Würzburg.

Dr. Michael Franz Wilhelm Fuchs, CDU, Jg. 1949, verheiratet,zwei Kinder, Studium der Pharmazie, approbiert zum Apotheker und Promotion in Biochemie, Unternehmer, 1992-2001: Präsident des Bundesverbandes des deutschen Groß- und Außenhandels; 1992: Vizepräsident der europ. Handelsorganisation (FEWITA), 1995:Berufung in den Außenwirtschaftsbeirat beim Bundesminister für Wirtschaft, 1997: Vors. im Taiwan-Ausschuß der Deutschen Wirtschaft, seit 1990: Stadtratsmitglied in Koblenz; Ord. Mitglied des Unterausschusses Globalisierung und Außenwirtschaft, stellv. Mitglied im Ausschuß für Wirtschaft und Arbeit, im Verteidigungsausschuß und im Ausschuß für Gesundheit und Soziale Sicherung. Dr. Fuchs ist Mitglied der Burschenschaft Germania Erlangen (Süddeutsches Kartell).

Dr. Peter Ramsauer, CSU, Jg. 1954, verheiratet, vier Kinder, Dipl.-Kaufmann, Promotion in Staatswissenschaften, Müllermeister, Inhaber der Fa. Ramsauer Talmühle e.K., Elektrizitätswerk, Traunwalchen. Mitgl. der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, Mitglied des CSU-Parteivorstands. Er ist Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag und 1. stellv. Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion sowie Mitglied des Ältestenrates. Weiters stellv. Mitglied des Wahlprüfungsausschusses und des Sportausschusses. MdB seit 1990. Dr. Ramsauer ist Mitglied der Münchener Burschenschaft Franco-Bavaria (PC Apollo, 1973).


Die Burschenschaft Baltia-Gotia in Ilmenau: Neue Heimat im �Alten Brauhaus�
von Hanspeter Dabruck (Baltia-Gotia Ilmenau) und Thorsten Elsholtz (Gothia Berlin)
Es ist eine der besten Lagen im verträumten thüringischen Städtchen Ilmenau. An der Langewiesener Straße, nur 300 Meter vom Campus der Technischen Universität entfernt, erfüllen die Mitglieder der Burschenschaft Baltia-Gotia seit 10 Jahren das sanierte "Alte Brauhaus" wieder mit Leben. Im letzten Semester sind es respektable 26 Mitglieder der Aktivitas (16 Aktive, 5 Füxe, 4 Conkneipanten und 1 Verkehrsgast).


75 Jahre Akaflieg 1930 - 2005
Die Akademische Fliegerabteilung Deutscher Burschenschafter

von Harald Lönnecker (Normannia-Leipzig zu Marburg)
Im Mai 1930 erschien ein Aufruf im "Burschenschaftlichen Nachrichtenblatt": "Flieger der Deutschen Burschenschaft, alte und junge, und solche, die es werden wollen, werden gebeten, zwecks gemeinsamer Organisation und zum Austausch von Erfahrungen über den besten Ausbildungsweg, mit Dipl.-Ing. Otto Schwab, Geiß-Nidda (Hessen), in Verbindung zu treten. Angabe des Alters und der Burschenschaft ist notwendig. Erstmalige Zusammenkunft während des Burschentags in Eisenach. Ausweis erforderlich." [...] Die Akaflieg ist ein charakteristisches Kind der Weimarer Republik und ging kurz vor Kriegsausbruch unter. Ehemalige Mitglieder, in der Regel begeisterte Flieger, ließen sie nach 1950 neu erstehen. Bis in die Gegenwart gibt es Gruppen der Akaflieg - auch wenn den wenigsten Burschenschaftern die Herkunft bekannt sein dürfte.


50 Jahre Heidelberger Abkommen zwischen DB und VVDST
von Helge Kleifeld (Turnerschaft Philippina Marburg)
Im Rahmen der Wiederbegründung des Korporationswesens nach dem Zweiten Weltkrieg und dem etwa zehnjährigen Verbot durch den nationalsozialistischen Staat griff innerhalb der Verbände zunächst der Wunsch nach neuen Impulsen in den Verbindungen um sich. Tatsächlich versuchten die Korporationen und ihre Verbände, eine soziale, staatsbürgerliche und politische Bildungsarbeit als wesentlichen Inhalt ihres Verbindungslebens einzuführen und zu etablieren, begleitet durch das Streben nach Anerkennung ihrer alten Position im hochschulpolitischen Bereich. In den Rahmen dieser Bestrebungen gehört das 1955 zwischen der DB und dem VVDSt geschlossene "Heidelberger Abkommen", welches 2005 seinen 50. Geburtstag feiert.